Nächtlicher Fischfang

Es ist Neumond und stockfinster, nur das dämmrige Licht meiner kleinen Laterne scheint auf das seichte Wasser um meine Füße. In einiger Entfernung tanzen andere schummrige Leuchten wie Irrlichter über die Bucht, weit draußen auf dem Meer blinken die bunten Lampen der Fischer. Mein Arm wird schwer, rechts die Laterne, links ein Eimer, bis zum Rand gefüllt mit Fischen, Muscheln, Kopffüßlern aller Art, Aalen und ein paar Schnecken. Neben mir suchen zwei weitere Gestalten im Schein der Lampe ebenfalls nach Beute, die sie blitzschnell mit ihrem Keturak, einem sikkanesischem Speer, erlegen. Ich habe mich auch schon darin versucht, konnte aber bis auf ein paar Muscheln keinen großen Fang vorweisen.

Wir sind jeweils in Dreierteams zum „Menyuluh“ ausgerückt. Ehemals eine Notwendigkeit, ist es heute eher ein soziales, zum Vergnügen veranstaltetes Ereignis. In der Bucht vor dem Kinderdorf suchen wir nach allerlei Essbarem. Allzu oft geht das nicht, denn das Wetter muss mitspielen und es müssen gewisse Vorraussetzungen herrschen. Man braucht einen klaren Himmel, Neumond und Ebbe. Stimmt jedoch alles, sieht man das halbe Dorf im knöcheltiefen Wasser waten und eifrig suchen. Wer mehr findet, hat schließlich mehr zu essen – und vor allem mehr vorzuzeigen.

Die Suche wird bereits schwieriger, das Wasser trübt sich. Ein bis zwei Stunden haben wir Zeit, bis die Flut einsetzt und Dreck mit sich bringt. Gemächlich machen wir uns auf den Rückweg. Die Suche war erfolgreich, das Feuer zum Kochen unseres Fanges ist bereits entfacht. Gemütlich sitzen wir bei Moki, dem hiesigen Lontarpalmschnaps, zusammen und warten, bis unser Mitternachtsmahl gar ist.

Es war harte Arbeit und ich bin müde. Und hungrig. Schon lange nicht mehr habe ich mich so auf eine warme Mahlzeit gefreut.

Eine Antwort auf Nächtlicher Fischfang

  1. Astrid Dreier sagt:

    LIeber Henry, ich bin sehr beeindruckt von Deiner Schilderung des nächtlichen Fischfanges. Wie wenig bedarf es doch, um glücklich und zufrieden zu sein!
    Liebe Grüße Großmutti

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