Sammelsurium kleiner Unterschiede

Es gibt natürlich sehr große kulturelle, historische, politische und sonstige Unterschiede zwischen Ostafrika und Westeuropa. Es gibt aber auch viele kleine Unterschiede, die nicht gravierend sind, aber dafür sehr interessant, und die einem erst bewusst werden, wenn man eine gewisse Zeit in Ostafrika verbracht hat. Aber man darf noch nicht zu lange dort sein, denn sonst fallen einem genau diese Unterschiede nicht mehr auf. Das finde ich zumindest. Hier ist also ein Sammelsurium kleiner Unterschiede:

Safari: Ich habe das Wort „Safari“ sehr oft gehört, wenn ich gefragt wurde, ob eine Reise gut verlief. Obwohl das Wort „Safari“ für mich in diesem Zusammenhang nicht richtig gepasst hat, weil es keine wilden Tiere zu sehen gab, dachte ich mir nicht viel dabei. Bis mein Kollege von einem Besuch aus Schweden zurückkam, wo er an einem Workshop teilgenommen hatte. In Nairobi wurde er dann gefragt, wie die Safari in Schweden war. Da ist dann auch mir endlich bewusst geworden, dass das Wort „Safari“ wohl für Kenianer nichts mit einer Jeepfahrt zu Löwen, Giraffen oder Zebras zu tun hat. Inzwischen weiß ich, dass es aus dem Kiswahili kommt und bedeutet, eine Reise zu unternehmen. In der Kolonialzeit wurde der Begriff dann verfremdet und ist seitdem für uns gleichbedeutend damit, Tiere in freier Wildbahn zu erleben. Niemand würde zur Safari nach Schweden aufbrechen.

Sorry: „Sorry“, also „Entschuldigung“, wird immer und überall benutzt. Ich stolpere und jemand sagt: „Sorry!“, ich niese – „Sorry!“, ich stoße mir den Kopf an, lösche aus Versehen einen Text auf dem Computer, das Internet geht nicht, ich verliere einen Ohrring, meine Waschmaschine läuft aus – eigentlich egal, was passiert, mein Gegenüber kommentiert mit „Sorry!“. Am Anfang habe ich immer geantwortet: „No need to be sorry!“ oder so ähnlich, weil es ja nicht die Schuld des Anderen ist, wenn mir etwas Unangenehmes passiert. Aber das habe ich schnell gelassen, denn es wird gar nicht von mir erwartet, dass ich darauf reagiere. „Sorry“ oder „pole“ in Kishwahili ist wohl eher ein Ausdruck des Mitgefühls, das sich nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzen lässt.

Humor: Die Kenianer nehmen sehr viel mit Humor hin. Korruption, verschobene Wahlen, ein Stau, sogar Carjacking und Autodiebstahl – egal, über was geredet wird, man hört eigentlich immer ein Lachen oder sieht ein Grinsen. Wenn die Kenianer sich aber aufregen, und das habe ich ein paar Mal miterleben können, dann richtig. Zum Beispiel am Flughafen: Als bekannt gegeben wird, dass ein Flug storniert wurde, geht ein Geschrei los und es fliegen auch ein paar Fäuste. Die Europäer, die dies miterleben – und sich sonst ja auch gerne mal aufregen – stehen sprachlos und ganz leise daneben.
Verkehr und Straßenverhältnisse: Bei uns redet man gerne über das Wetter, wenn man small talk macht, in Nairobi ist es definitiv der Verkehr, der Stau oder der Zustand der Straßen. Das ist ständig und überall Thema und wird diskutiert und besprochen, bis ich schon nicht mehr hinhöre. Ich war zwei Stunden auf der wohl holprigsten Strasse unterwegs, die ich bis jetzt erlebt habe. Die Hälfte der Zeit wurden die Straßenverhältnisse diskutiert.

Die Farbe Pink: Rosa ist für Mädchen und Blau für Jungs. Das ist ja die generelle Annahme in Europa, sie gilt für Kinder, manchmal auch für Erwachsene. In Kenia, Äthiopien und Somaliland habe ich das anders erlebt. Hier tragen Männer pinkfarbene Hemden (und ich meine nicht die trendy Hemden, die es in Deutschland so oft gibt), mein pinkes Handy habe ich bis jetzt nur bei Männern gesehen. Männer tragen pinke Schuhe, besitzen rosa Geldbeutel und Jungs haben pinke Schuluniformen. Als ich in Indien war, verhielt es sich ähnlich. Mein Hindilehrer hat mich gebeten, meine wunderbar pinke Trinkflasche gegen seine blaue zu tauschen – das kann aber auch daran gelegt haben, dass meine Trinkflasche nagelneu war und seine uralt.

Frauen auf der Baustelle: In Äthiopien habe ich es ganz oft erlebt, dass wirklich viele Frauen auf der Baustelle arbeiten – das kenne ich aus keinem anderen Land. Sie schleppen Steine, verputzen Gebäude. Teer wird von Frauenhand ausgebreitet und Bauschutt von Frauen verladen; einmal habe ich sogar eine Frau Bagger fahren sehen. Auf meine Frage, warum dies so sei, hieß es einfach, dies sei ein Weg für die Frauen, zu arbeiten und Geld zu verdienen. In diesem Bereich ist also die Geschlechtertrennung viel weniger ausgeprägt als in Deutschland.

Gern geschehen: Manchmal werde ich gefragt, ob mir eine touristische Attraktion, zum Beispiel eine Kirche oder die Safari, ein Berg oder eine Stadt, gefallen hat. Ich antworte natürlich, dass die Kirche wunderschön war oder die Safari aufregend. Die Reaktion auf meinen Ausdruck der Begeisterung ist recht oft: „You are welcome!“, was so viel heißt wie „Gern geschehen!“. Natürlich hat der einzelne Kenianer oder die Äthiopierin nichts beigetragen zur Kraft der Natur und die Zivilisation vor hundert Jahren nicht mitgestaltet. Aber vielleicht ist es einfach ein Ausdruck des Stolzes oder der Freude darüber, dass einem Gast ihr Land so gut gefällt. Ich finde das auf jeden Fall sehr gut, so ein bisschen Stolz schadet ja nicht.

Eine Antwort auf Sammelsurium kleiner Unterschiede

  1. Sebastian sagt:

    Hej, tolle Fotos! Vor allem die Giraffe!!!!!

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