Wenn ich zaubern könnte…

Wohnhütte in Berbera, Somaliland.

Wohnhütte in Berbera, Somaliland.

Ich wünschte, ich könnte zaubern. Diesen kindlichen Gedanken habe ich manchmal in Afrika. Er kommt immer dann auf, wenn ich zu viel Leid und Armut und tiefgreifendes Elend gesehen habe. Heute ist wieder einer dieser Tage. Ich bin mit tiefer Traurigkeit erfüllt! Ich fühle mich hilflos, bin schockiert und mitgenommen von dem, was ich gesehen habe, von der Realität, in der so viele Menschen leben müssen. Ich denke immer und immer wieder den gleichen Gedanken: „So was darf es nicht geben, es darf es einfach nicht!“

Wenn ich wirklich zaubern könnte, dann würde ich die Welt innerhalb von wenigen Sekunden gerechter machen. Aber das kann ich natürlich nicht.
Ich bin traurig – und wütend, weil wir die Mittel hätten, Armut in die Museen zu verbannen, wie es der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus einmal gesagt hat.

Wohnhütte in Berbera, Somaliland.

Wohnhütte in Berbera, Somaliland.

Und es ist egal, wo man ist, man sieht das Leid überall: Ausgezehrte, müde Frauen in Hargeisa, die jeden Tag erneut darum kämpfen, genug zu verdienen, um ihren Kindern ein Abendessen geben zu können. Junge Frauen in den Slums von Nairobi, die als Prostituierte arbeiten, weil sie sonst keinen Weg sehen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Familien, die Somalia verlassen mussten, weil dort Krieg und Hungersnot herrscht, und die jetzt in Nairobi auf der Straße leben. Großmütter in Bahir Dar, die ihre Enkelkinder aufziehen, weil ihre eigenen Kinder an AIDS gestorben sind. Zu enge, schlecht durchlüftete Behausungen in jedem Slum, in dem ich bis jetzt war, ohne fließendes Wasser, Strom und Toiletten. In der Regenzeit stehen die Baracken unter Wasser und werden zum Nährboden für so viele Krankheiten.

Slum in Bahir Dar, Äthiopien.

Slum in Bahir Dar, Äthiopien.

Und die Kinder! In jedem Land, in dem ich war, sah ich apathisch wirkende Kinder, die nicht wie „normale“ Kinder herumspringen. Sie haben diese großen Augen, die nur so wirken, weil die Kinder so dünn sind. Sie haben Flecken auf der Kopfhaut, von denen ich weiß, dass sie Anzeichen für eine Wurminfektion sind. Manche haben aufgeblähte Bäuche, andere reiben sich ein Auge, weil sie eine Infektion haben, und andere husten, weil ihre Atemwege erkrankt sind.
Ich fühle mich so hilflos, weil ich eben nicht zaubern kann und die Kinder auch morgen noch krank und hungrig sein werden. Das zu sehen, schmerzt, und dabei muss ich nicht einmal selbst dieses Leid aushalten! Ein paar Mal habe ich schon die Aussage gehört, dass diese Menschen das Leben nicht anders kennen und dass sie ihre Situation deswegen anders empfinden als ich. Aber gerade das macht mich so verrückt – die Menschen sollten ein anderes Leben kennen!

Somaliland

Somaliland

Wenn es mir so geht wie heute, dann rufe ich meistens meinen Mann an und er hört mir zu ohne viel zu sagen – weil es ja auch nicht viel zu sagen gibt. Er erinnert mich immer wieder daran, dass unsere Arbeit viele Menschen erreicht und dass ich das nicht aus den Augen verlieren darf. Und natürlich weiß ich dies im Tiefsten meines Herzens. Aber manchmal, wenn ich diese absolute Armut sehe, die den Menschen nicht nur das Leben schwer macht, sondern viele auch das Leben kostet, dann fällt es mir nicht leicht, das auch zu spüren.
 
Die Traurigkeit bleibt. Aber ich bin auch froh, dass sie bleibt  da sie mir auch gleichzeitig Kraft und Stärke gibt weiter zu arbeiten. Und ich weiss, dass ich morgen wieder voller Energie und Zuversicht in die Arbeit gehe und meinen eigenen, ganz klitzekleinen Beitrag dazu leiste, dass Kinder und Erwachsene bessere Lebenschancen erhalten. Und da wird es mir dann auch wieder besser gehen. Auch wenn ich nicht zaubern kann.

5 Antworten auf Wenn ich zaubern könnte…

  1. Christine Kehrer sagt:

    toller Blog– macht weiter, es ist einfach immer gut emotionale Geschichten zu lesen.

  2. Benjamin sagt:

    Danke, dass Du uns mit Deinem Blog an Deiner spannenden Arbeit teilhaben lässt! Wünsche DIr weiterhin viel Kraft und viel Erfolg!

  3. Michaela sagt:

    DU kannst zaubern – mit Deinem Blog! Uns allen ein lachendes und ein weinendes Auge, zudem das klare und sichere Gefühl für die Wichtigkeit unserer Arbeit.

  4. Beate sagt:

    Dein Bericht geht direkt unter die Haut! Er entfacht Trauer und Wut über die ungerechte Verteilung von Lebensqualität auf diesem Planeten. Hoffentlich lesen diesen Blog ganz viele Menschen! Um in die Puschen zu kommen und sich zu engagieren muss man endlich mit dem Konsum aufhören und mal über den Luxus-Tellerrand schauen. Dass Du auf Zauberkräfte hoffst, zeigt die Dringlichkeit der Lage. Ich denke, es müsste nur JEDE/R seinen ehrlichen Beitrag leisten. Alles Gute, liebe Nikola!

  5. Ingrid sagt:

    Ich bin froh und dankbar, dass es Menschen wie Dich gibt, die diese Stärke
    haben, solche Zustände zu sehen, zu ertragen und dann auch noch die Kraft,
    etwas dazu beizutragen, dass sich etwas ändert.
    Danke.

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