Der Mönch, das Boot und ich

Kirchentür einer Kirche am Tanasee

Kirchentür einer Kirche am Tanasee

Ich war in Bahir Dar in Äthiopien, um mir die dortigen Projekte der SOS-Kinderdörfer anzusehen, und hatte einen halben Tag frei. Kurz entschlossen nahm mich ein Kollege auf eine Bootstour mit, um mir ein paar der alten Klöster und Kirchen auf den Inseln des Tanasees zu zeigen. Gleich nach dem Besuch des ersten Klosters sprach uns ein Mönch an und bat uns, ihn nach Bahir Dar mitzunehmen. Wir erklärten ihm, dass wir erst noch ein paar Klöster and Kirchen ansehen wollen, aber er sagte, dass er einfach mitkommen würde.

Der Mönch in meinem Boot

Der Mönch in meinem Boot

So saßen also der Mönch, mein Kollege und ich auf dem alten Holzboot und fuhren auf dem Tanasee herum. Ich konnte mein Augen nicht von dem Mönch lassen, weil er so ruhig, still, gelassen und in sich gekehrt aussah. Ich habe immer mal wieder ein paar Fragen gestellt, die mein Kollege übersetzt hat, da ich kein Wort Amharisch spreche. Der Mönch, der uns seinen Namen nicht verraten hat, war 28 Jahre alt und hatte vor 10 Jahren seine Familie verlassen, um Mönch zu werden. Er lebte seit 2 Jahren auf dieser Insel und wollte für ein paar Tage nach Bahir Dar, um einer Gemeinde beim Bau einer Kirche zu helfen.

Eine der Kirchen am Tanansee

Eine der Kirchen am Tanansee

Auf meine Frage, warum er Mönch geworden war, antwortete er einfach nur, dass er die Bibel gelesen habe und Gott folgen wolle. „Anders als du!“, setzte er mit Blick auf meinen Kollegen noch schmunzelnd hinzu. Er schätzte ihn offenbar nicht als sehr gläubig ein, obwohl er das in Wirklichkeit ist.

Ich wollte wissen, wie man Mönch wird. Unser Freund erklärte uns, dass er schon seit sechs Jahren studiere, aber immer noch nicht alle Ebenen erreicht habe. Als ich fragte, wie viele Ebenen es denn gebe, antwortete mein Kollege: „Zu viele!“

Unser Boot

Unser Boot

Da ich es aber etwas genauer wissen wollte, bat ich ihn, den Mönch danach zu fragen – der mir genau die gleiche Antwort gab: „Zu viele!“ Ich gab mich damit zufrieden und war erst mal ruhig. Und dann wurde ich tatsächlich auch innerlich ruhig.

Die Anwesenheit eines Menschen, der augenscheinlich so in sich selbst ruhte und eine innere Stille besaß, hatte etwas sehr Angenehmes und Beruhigendes. Ich hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das Gefühl entspannen zu können. Ich weiß nicht, was es war, aber ich war in diesen Augenblicken auf dem Boot zufrieden und glücklich. Ich konnte mir schon fast vorstellen, eine Woche auf einer kleinen Insel im Tanasee zu verbringen und zur Ruhe zu kommen.

Als wir vom Boot stiegen, ist unser Freund in Richtung Kirche aufgebrochen und ich habe ihm lange hinterher gesehen. Und auch jetzt noch habe ich das ruhige Bild von dem Mönch im Boot manchmal vor meinem inneren Auge. Und auf einmal werde ich ruhiger.

Lage des Tanansees in Äthiopien (nach GoogleMaps)

Lage des Tanansees in Äthiopien (nach GoogleMaps)

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