Hunger – wie fühlt sich das an?

Nikola besucht eine sehr arme Familie.

In sehr traurigen Situtationen fällt es Nikola schwer, weiterhin professionell zu bleiben.

Heute ist schon wieder einer dieser Tage, die mich so unendlich mitnehmen. An denen ich meine Professionalität kaum aufrecht halten kann und einfach nur ein sehr trauriger Mensch bin. Weinend. Deprimiert. 

Ich habe heute einige Familien in Mwanza, im Norden Tansanias, besucht, die von der SOS-Familienhilfe unterstützt werden. Zurück in meinem Hotelzimmer, denke ich über den Tag nach und es geht mir einfach nicht gut. Die Armut zu sehen, ist manchmal einfach zu viel. Es tut zu sehr weh, vor allem heute, weil ich der Hoffnungslosigkeit in die Augen geblickt habe. Ich saß heute vor dem Haus einer alten Dame. Ich habe keine Ahnung, wie alt sie ist, aber sie scheint um die 80 zu sein, vielleicht ist sie aber auch erst 70. Das Dach dieses Hauses ist beim letzten Regen eingefallen. Ich stehe vor dem Haus und sehe davon nichts. Das Haus sieht von außen heruntergekommen aus, aber ich habe viel Schlimmeres gesehen. 

Als ich aber hineingehe, merke ich, dass es einfach grauenvoll ist. Das Haus ist eine komplette Bruchbude. Es fällt in sich zusammen und doch leben dort sechs Kinder mit ihrer Großmutter und ihrer Tante. Es ist nicht zu renovieren, auf keinen Fall. Und ich sitze vor dem Haus und sehe die Kinder und die Großmutter und die Tante an. Wir sitzen 15 Minuten da und keiner redet viel. Die Traurigkeit kann man fassen. Ab und zu wird geredet, und ich stelle ein paar Fragen. Und ich muss mit den Tränen kämpfen. 

Natürlich muss ich professionell bleiben, mich distanzieren, das nicht an mich rankommen lassen. Stärke zeigen. Zuversicht ausdrücken. Motivieren. Und als ich so da saß, musste ich meine ganze Kraft  darauf verwenden diese Professionalität aufrecht zu erhalten. Weil die Realität zu trist aussieht und weil ich in die Augen der Tante sehe und mich Hoffnungslosigkeit daraus anblickt. 

Der Familie fällt buchstäblich das Dach über dem Kopf zusammen, sie haben nicht genug zu essen, manchmal einmal am Tag, manchmal zwei Mal. Ich frage, ob sie oft Hunger haben. Die wohl sinnloseste Frage, weil ich die Antwort schon weiß. Und trotzdem frage ich, weil ich die Antwort irgendwie laut ausgesprochen hören musste, die Realität benenne, wie sie ist. Hunger. Ich weiß nicht mal, wie sich das anfühlt. 

Das Haus ist nicht zu retten, es müsste ein neues gebaut werden. Aber dazu fehlt der Familie und auch uns das Geld. Die Mittel reichen nicht aus. Die Einkommen schaffenden Maßnahmen, die die Familie mit unserer Unterstützung aufbauen, haben noch keine große Besserung herbeigebracht. Auch die Sozialarbeiterin weiß im Augenblick nicht, wie genau es vorangehen soll. Auch sie sieht die Familie und auch in ihren Augen sehe ich, dass das Bild des zerfallenen Hauses nicht spurlos an ihr vorüber geht. Ich sehe in ihre Augen und muss den Blick abwenden, weil ich sonst in Tränen ausbrechen würde. Später gesteht auch sie mir, dass dieser Besuch sehr schwer für sie war. Natürlich geben wir nicht auf, und meine Kolleginnen und Kollegen werden versuchen, die Gemeinde zu mobilisieren, damit die Familie eine neue Unterkunft erhält. 

Aber trotzdem, heute bin ich so traurig, dass ich nicht mit einem hoffnungsvollen Satz enden kann. Ich wünschte ich könnte, aber ich wäre mir und auch euch gegenüber nicht ehrlich. Heute bin ich einfach nur traurig.

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