Helden?!?

Ein Arzt der SOS-Kinderdörfer untersucht ein Baby im Medizinischen Zentrum Mogadischu

Ein Arzt der SOS-Kinderdörfer untersucht ein Baby im Medizinischen Zentrum Mogadischu

Ich mag den Begriff „Held“ nicht, weil ich damit immer fiktive Personen aus Comics oder Sagen verbinde, die nur unserer Fantasie entspringen. Ich mag auch kein Eigenlob, da ich davon überzeugt bin, dass, wenn man etwas gut tut, dies auch von anderen entdeckt und wertgeschätzt wird, ohne es selbst erwähnen zu müssen. Vielleicht nicht immer sofort, aber irgendwann auf jeden Fall.
Von diesen beiden Prinzipien muss ich heute ein wenig abweichen.Wenn man jemanden als Held bezeichnet, der besonderen Mut und Aufopferung zeigt, der über die normale Einsatzbereitschaft hinausgeht, Gefahren auf sich nimmt, trotz Angst etwas vollbringen will, trotz der Gefahr für das eigene Leben, dann kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich einige Helden in Mogadischu getroffen habe: bei SOS Somalia. Vielleicht ist es Eigenlob, aber das ist mir egal, denn es verdient Erwähnung!

Kurz nach der Geburt eines Babys im Medizinischen Zentrum Mogadischu

Kurz nach der Geburt eines Babys im Medizinischen Zentrum Mogadischu

Ich habe das SOS-Medizinische Zentrum in Mogadischu besucht und dort eben diese Helden getroffen. Die Ärzte und Krankenschwestern arbeiten unter schwersten Bedingungen. Es hat 35 Grad, ich bin nach fünf Minuten in Schweiß getränkt und auch den Kolleginnen und Kollegen, die dort arbeiten, klebt der Schweiß am ganzen Körper.  Das ursprüngliche SOS-Medizinische Zentrum wurde im August 2011 evakuiert, da es zwischen die Frontkämpfe geriet. Aus diesem Grund wurde eine Übergangslösung gefunden, eine sehr beengte Lösung.  SOS Somalia hat ein Wohnhaus angemietet, auf dem noch zusätzliche Gebäude aus Holz sowie Zelte aufgestellt wurden, um die große Anzahl von Patienten zu versorgen.

Babys auf einer Station der pädiatrischen Abteilung des Medizinischen Zentrums Mogadischu

Babys auf einer Station der pädiatrischen Abteilung des Medizinischen Zentrums Mogadischu

Es gibt einen Operationssaal, einen Entbindungssaal, eine Impfstation, verschiedene Aufenthaltsräume für kurzfristige und langfristige Betreuung und eine große Fläche, auf denen die Frauen und Kinder warten, um behandelt zu werden. Die Erstberatung muss im Freien stattfinden, denn der Platz ist extrem eng. Es gibt keine andere Möglichkeit im Augenblick. 

Es arbeiten 10 Ärzte viele lange Stunden pro Tag. Das Krankenhaus hat 24 Stunden geöffnet, die gesamte Betreuung und auch die Medikamente sind kostenlos. Ich komme um 8:30 Uhr im Medizinischen Zentrum an und es stehen bestimmt schon 250 Frauen und Kinder in langen Schlangen in der Sonne an, um einen Arzt zu sehen. Das Zentrum ist in weiten Teilen Somalias bekannt. Täglich kommen 600 bis 700 Frauen hierher und jede wird behandelt. Manche von ihnen sind 200 km oder noch länger gelaufen oder haben sich irgendwie mitnehmen lassen. Eine Frau lag sogar schon vier Tage lang in den Wehen und hat sich danach auf einer Strecke von 180 km durchgeschlagen, um am Schluss per Kaiserschnitt ein gesundes Kind im SOS-Medizinischem Zentrum zur Welt zu bringen. Nicht alle Frauen schaffen diese Reise und nicht jedes Kind kommt nach solchen Strapazen gesund zur Welt.

Mütter und Kinder warten vor dem Medizinischen Zentrum Mogadischu

Mütter und Kinder warten vor dem Medizinischen Zentrum Mogadischu

Es gibt immer noch viele extrem unterernährte Kinder. Jungen und Mädchen, die noch selbständig essen können, erhalten im SOS-Medizinischem Zentrum „Plumpy’ nut“, eine energiereiche Fertig- und Zusatznahrung für Kinder, die unter anderem aus Erdnussbutterpaste, Vitaminen und Zucker besteht. Das Medizinische Zentrum besitzt viele Kisten dieser kleinen Pakete.

Ich sehe ein acht Monate altes Baby, das 3,4 Kilo wiegt. Dieses Baby sowie auch andere müssen künstlich ernährt werden. Ein anderes Kind, viel zu klein für sein Alter, hat Masern, eine tödliche Krankheit für ein unterernährtes Kind. Eine Frau, die so dünn ist, dass ich nicht sehen kann, dass sie schwanger ist, liegt in einem Krankenhausbett und wird gegen Ekplampsie behandelt, hoher Blutdruck während der Schwangerschaft, und muss für die nächsten Wochen im medizinischen Zentrum bleiben. Und dann sehe ich ein Kind, das seit drei Wochen im Koma liegt. Das Mädchen hat Meningitis und konnte nicht früh genug zur Behandlung gebracht werden.  Die Mutter sitzt seit drei Wochen neben dem Krankenbett ihrer Tochter, sie lebt in dem SOS-Medizinischen Zentrum. Alles, was sie tun kann, ist, die Hand der Kleinen zu halten. Der Arzt sagt mir, dass die Behandlung zu spät kam und keine Hoffnung mehr besteht. Das kleine Mädchen wird sterben. Ich wende mich ab, damit keiner meine Tränen sieht.  

Mutter mit neugeborenem Baby

Mutter mit neugeborenem Baby

Die Ärzte und Krankenschwestern arbeiten Tag für Tag mit den Ärmsten der Armen. Sie versorgen sie so gut es geht und tun ihr Bestes, um Leben zu retten. Obwohl die Gegend, in der das SOS-Medizinische Zentrum derzeitig untergebracht ist, relativ stabil ist, mussten unsere Kolleginnen und Kollegen in den vielen Jahren davor nicht nur Angst um das Leben ihrer Patienten haben, sondern auch um ihr eigenes. Ich selbst darf maximal 30 Minuten hier bleiben. Aus Sicherheitsgründen, obwohl ich eine kugelsichere Weste trage und ein bewaffneter Sicherheitsmann mich begleitet.

Ich fahre also wieder davon. Neben mir sitzt Dr. Abdullahi, der Leiter des SOS-Medizinischen Zentrums. Ich will ihm so viel sagen und ihm für seine Arbeit und die seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen danken. Aber ich kann es kaum, ich finde keine adäquaten Worte, um meine Wertschätzung und Bewunderung auszudrücken. Aber nach nur 30 Minuten weiß ich, dass hier Helden arbeiten. Es mag kitschig klingen, aber das ist es nicht, denn wenn man diese Arbeit sehen darf, dann kann man nicht anders als ergriffen sein.

Ich reise wieder nach Uganda und im Flugzeug sitzt ein Somali neben mir, Ali, der mich fragt wo ich arbeite. Ich antworte: „Bei den SOS-Kinderdörfern.“ Und auf einmal fängt er an mir zu erzählen, wie er seine Frau vor einigen Jahren in unser SOS-Medizinisches Zentrum gebracht hat, weil sie Komplikationen bei der Geburt hatte. Die Ärzte nahmen einen Kaiserschnitt vor, und sie und das Kind haben überlebt. Er sagt mir: „Weißt du, die Behandlung ist dort umsonst, also konnten wir hin. Es war der einzige Ort, der immer offen war für uns.“ Er fängt an mir überschwänglich für unsere Arbeit zu danken. Ich nehme seinen Dank im Namen meiner somalischen Kolleginnen und Kollegen entgegen!

Ich bin wieder in Uganda angekommen und erst jetzt merke ich, wie sehr mich die Erlebnisse in Mogadischu mitgenommen haben. Die letzten Wochen des vielen Reisens und des vielen Arbeitens holen mich ein und ich bin seelisch und körperlich ausgelaugt. Mein Körper mag in der Früh nicht mehr aufstehen. Dennoch: Wenn ich daran denke, welche Arbeit unsere Kolleginnen und Kollegen in Mogadischu leisten, kann auch ich weitermachen. Denn unsere Arbeit macht so viel Sinn.

2 Antworten auf Helden?!?

  1. hallo
    ich habe großen respekt was dort von sos geleistet wird. ich arbeite ehrenamtlich an einem kita projekt aus deutschland mit. unsere kleinen sollen lernen wie es anderen kindern der welt ergeht. vielleicht könnt ihr uns dabei helfen ? hier kurz worum es geht – unsere kinder malen eine sonne, schneiden diese durch und verschicken eine hälfte der sonne an kinder in einem anderen land mit erläuterungen übe rihr leben. das kind das die halbe sonne erhält malt auch eine sonne schneidet diese durch und schickt diese mit fotos oder brief über ihr leben zurück. hier in der kita wird dann aus zwei halben sonnen wieder eine ganze sonne – die kinder erfahren wie und wo diese gemalt wurde und vieles mehr über das land. können wir euch unsere halbe sonne mit geben ? könnt ihr diese anderen kindern geben und uns eine halbe sonne von dort mitbringen ?
    danke für eine antwort
    gesa

    • Nikola sagt:

      Hallo, Gesa,
      Danke für die netten Worte – das freut mich sehr! Euer Kita-Projekt klingt spannend. Ich habe Deinen Kommentar an meine Kollegen in München weitergeleitet. Sie werden sich sicher in den nächsten Tagen bei Dir melden.
      Herzliche Grüße, Nikola

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