Was ist Armut?

Dakar

Dakar

Der Präsident der SOS-Kinderdörfer, Helmut Kutin, hat vor kurzem die Region Ostafrika besucht. Bei einem Treffen im Regionalbüro forderte er uns mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf, uns weiterhin für die Kinder einzusetzen, deren Leben von Armut geprägt ist. Aber er sprach nicht nur von Armut im Sinne von geringem Einkommen, hoher Kindersterblichkeitsrate, Mangel an Obdach oder Nahrungsmitteln. Nein, er sagte: „Armut ist am schlimmsten, wenn ein Kind alleine und verlassen ist und niemanden hat, der sich sorgt und kümmert.“

In diesem Moment ist mir einiges klar geworden. 

Wenn man lange in einer internationalen NGO arbeitet, fokussiert man sich zwangsläufig auf Zahlen, Daten und Maßeinheiten für Armut. Ich habe Entwicklungszusammenarbeit studiert und kenne verschiedenste Definitionen von Armut und unterschiedliche Indikatoren: Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Anzahl der Schuljahre von Kindern, Zugang zu sauberem Trinkwasser, Sterblichkeitsrate der unter Fünfjährigen, Analphabetismus unter Erwachsenen, Mangel an Zugang zu Kommunikation, Wachstumsstörungen bei Kindern, soziale Ausgrenzung – um nur ein paar zu nennen. Ich habe in der Theorie gelernt, wie man den „Human Development Index“ berechnen kann, damit man Länder auf einer Skala einordnen kann, um zu sehen, wie „arm“ sie sind. Versteht mich nicht falsch: Niemand möchte die Auswirkungen von Armut herunterspielen, diesen extremen Mangel an Lebensnotwendigem. Und all diese Indikatoren sind absolut notwendig, denn sie helfen uns zu verstehen, wie Länder oder Regionen sich entwickeln, welche Unterstützung notwendig ist, um Armut zu bekämpfen. Und ich bin von der Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Methoden überzeugt!

Aber Helmut Kutins Satz hat mich fragen lassen: Wie wichtig ist das alles, wenn ein Kind am Ende alleine ist? Ich möchte nicht zu sentimental werden, aber wir in Europa wissen doch auch, dass Kinder, die scheinbar alle Konsumgüter haben, oft nicht glücklich sind, weil sie sich alleine fühlen. Und in unserer Arbeit bei den SOS-Kinderdörfern geht es um genau diese Kinder, die scheinbar alleine sind oder um die sich nicht adäquat gekümmert wird. Unser Leitbild sagt es ja schon: „Jedes Kind wächst als Teil einer Familie auf – geliebt, geachtet und behütet.“ Und obwohl das niemand bei den SOS-Kinderdörfern jemals aus den Augen verliert, so tun wir in der Entwicklungszusammenarbeit doch manchmal das, was der Entwicklungsexperte Franz Nuscheler so absolut auf den Punkt gebracht hat: „Armut kann in Teilmengen zerlegt und durch Sozialindikatoren gemessen, aber in ihrer Hässlichkeit und Brutalität nur schwer erfasst werden.“

Der Direktor des Kinderdorfs Hargeisa mit dem juengsten Kind im Kinderdorf

Der Direktor des Kinderdorfs Hargeisa mit dem juengsten Kind im Kinderdorf

Es gibt meiner Meinung nach keine guten Indikatoren, um „Fürsorge“, „Liebe“, „Geborgenheit“ oder „Einsamkeit“ und „Verlassen sein“ zu messen. Man könnte zum Beispiel „Stunden, die ein Kind mit seinen Eltern spielt“ oder „Anzahl der Körperkontakte pro Tag“, „Anzahl der Lächeln, die ein Kind pro Tag sieht“ zählen. Aber ob dies den Zweck erfüllt, ist fraglich.
In der Welt der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, in der ich mich zu Hause fühle, hört man solche gefühlsgeladenen Worte nicht. Auch ich benutze diese Begriffe nicht –  lest in meinem blog nach und ihr werdet sie nicht finden.
Aber wenn ich ganz ehrlich bin, steht hinter meiner Arbeit eben dieser emotionale Gedanke: Ich will erreichen, dass Kinder ganzheitlich versorgt sind und auch, dass sie umsorgt werden und Liebe spüren. Gleichzeitig werde ich aber immer davon sprechen, dass das Einkommen der Eltern erhöht, der Zugang zur Schulbildung verbessert, der Weg zur Wasserstelle verkürzt werden muss. Aber das eine bedingt das andere. Helmut Kutin, der Armut überall auf der Welt erlebt hat, hat es auf den Punkt gebracht: Armut ist am schlimmsten, wenn Kinder alleine sind.

Links zum Thema:

>>>Finanzkrise, Bankenpleiten, Staaten kurz vor dem Bankrott – die Welt steuert auf eine tiefgreifende Wirtschaftskrise zu. Hierzulande bangen die Menschen um ihre Ersparnisse oder den Arbeitsplatz. Doch was bedeutet die Finanzkrise für die Menschen in den Entwicklungsländern? Werden Hunger und Armut zunehmen? Ein Interview mit Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

>>>“Unsere“ Kinder wissen, was es heißt, im Unglück mit nichts da zu stehen. SOS-Kinderdörfer fangen sie auf, wenn sie verlassen sind. Ein gutes Zuhause aber, das auch für die Zukunft rüstet, kann nicht nur auffangen, sondern muss mehr bieten als Liebe und Schutz. Mehr dazu im Beitrag: Bildung bedeutet mehr als nur lernen

Eine Antwort auf Was ist Armut?

  1. Klaus sagt:

    Lesenswerter neuer Post! Ich werde da noch mal nachhaken!

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