Manche Antwort haben wir noch nicht gefunden – aber wir suchen danach!

Slum in Djibouti

Slum in Djibouti

Exit-Strategie – was ist das? Eine Exit-Strategie ist ein in der Entwicklungszusammenarbeit geläufiger Begriff, der besagt, dass die Unterstützung von Menschen, Projekten oder auch Ländern zeitlich begrenzt sein muss, um zu verhindern, dass eine Abhängigkeit entsteht. Das klingt sehr trocken, nicht wahr?

Ganz konkret bedeutet es, dass wir zum Beispiel einen arbeitslosen Vater und eine arbeitslose Mutter, die fünf Kinder haben, kurzfristig mit Nahrungsmitteln unterstützen oder ihnen die Arztgebühr zahlen, wenn sie dies selber nicht können. Aber das ist nur der erste Schritt. Denn schon mit dieser Phase der Unterstützung geht die Arbeit mit der Familie einher. Die SOS-Kinderdörfer sprechen mit den Eltern, um ihre Stärken und ihre Begabungen herauszufinden. Der Vater war vielleicht früher Landwirt, besitzt aber jetzt kein eigenes Grundstück mehr. Wir überlegen gemeinsam, was er benötigt, um ein eigenes Stück Land zu kaufen oder zu pachten. Mit dem Getreide oder dem Gemüse, das er dort anbauen wird, kann er seine Familie ernähren und den Rest auf dem Markt verkaufen, um somit ein Einkommen zu schaffen. Für den Landkauf fehlt ihm aber das Geld und vielleicht weiß er auch nicht genau, wie man die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen kann. Die SOS-Kinderdörfer stellen ihm deshalb einen Kleinkredit zur Verfügung, und bieten ihm eine Weiterbildung an, in der er lernt, welcher Dünger benutzt werde kann und welches Getreide am widerstandsfähigsten ist. Der Familie ist aber von Anfang an klar, dass die Unterstützung der SOS-Kinderdörfer zeitlich begrenzt ist und nur solange gegeben wird, bis die Familie selbständig ist. Die Unterstützung wird immer weniger und hört schließlich ganz auf. In diesem Falle ist unsere Exit-Strategie also das Weitergeben von Wissen und das Bereitstellen eines Kleinkredits.

Markt in Sansibar

Markt in Sansibar

In vielen Fällen erzielen wir damit großen Erfolg. In jedem Projekt, in dem ich bis jetzt war, gab es Familien, die sich selbst aus einer Situation befreit haben, in der sie nicht mal das Nötigste zum Leben hatten. Jetzt können sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten.

Wie aber sieht eine Exit-Strategie bei einer alleinerziehenden Großmutter aus? Oder einer elternlosen Familie, in der sich eine Sechzehnjährigen um ihre kleinen Brüder und Schwestern kümmern muss? Oder nehmen wir das Beispiel einer Witwe mit sieben Kindern, die selbst krank ist und weder schreiben noch lesen kann. Ein Extrembeispiel? Leider nicht. Die Frage ist: Wie können wir diese Frau dabei unterstützen, dass sie finanziell eigenständig wird und langfristig die SOS-Kinderdörfer nicht mehr benötigt? Welche Exit-Strategie gibt es hier?

Wir könnten der Witwe Weiterbildungen anbieten, damit sie ihr eigenes Geld verdienen kann. Aber mit welcher Tätigkeit? Und wie viel Geld muss die Frau verdienen, um sieben Kinder in die Schule schicken, Schuluniformen kaufen, die Kinder und sich selbst ernähren zu können? Und wer passt auf die Kinder auf, während die Frau zur Arbeit geht? Ist die Frau nicht schon zu krank, um regelmäßig zu arbeiten? Wir könnten auch kurzfristig die Kosten für Schuluniformen übernehmen und Nahrungsmittelpakete zur Verfügung stellen. Aber selbst das hilft nicht immer, um die Frauen in die Unabhängigkeit zu führen. Langfristige Hilfe wiederum schafft Abhängigkeit. Was sollen wir also tun?

Kind in Mwanza

Kind in Mwanza

Ich spreche mit einer Sozialarbeiterin aus Tansania über dieses Thema, die diese Frage auch schon einmal einer Gruppe älterer Frauen, mit der sie sich regelmäßig trifft, gestellt hat. Eine der Teilnehmerinnen fragte zurück: „Was passiert, nachdem eure Unterstützung wegfällt? Verlassen wir dann wirklich die Armut oder kehren wir wieder in sie zurück?“

Die Sozialarbeiterin schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Die Antwort musste sie ihr schuldig bleiben, denn ein pauschales „Ja“ oder „Nein“ ist einfach nicht möglich, weil jede Familie, jede Situation anders ist. Wann ist Unterstützung zu viel und wann nicht genug? Wann kreiert man Abhängigkeit und wann nicht?

Wir arbeiten in jedem Projekt neu daran, uns dieser Problematik zu stellen. Es ist schwierig. Und manchmal, im Falle der Witwe mit den sieben Kindern, haben wir noch keine Antwort gefunden. Aber wir suchen weiter!

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