Abschied von Ostafrika – Teil 1

Abschied von Ostafrika

Abschied von Ostafrika

Es ist also soweit. Dies ist das Ende meiner Zeit in Ostafrika und auch mein letzter, nein vorletzter Blog-Eintrag. Denn ich möchte in zwei Teilen von Euch Abschied nehmen, einmal persönlich, und dann möchte ich Euch einfach etwas mit auf dem Weg geben – falls ihr es denn hören wollt.

Es fällt mir nicht leicht, ein persönliches Resümee zu ziehen. In den sechs Monaten war ich in insgesamt neun Ländern: In Kenia, Uganda, Ruanda, Tansania, Äthiopien, ganz kurz im Senegal, in Somalia, und lasst uns auch Somaliland einfach als separates Land bezeichnen, und in Dschibuti. Ich habe SOS-Einrichtungen in allen Ländern gesehen, unsere Arbeit viel besser verstehen gelernt, Positives und Trauriges gesehen, viel gekämpft, aber auch viel Spaß gehabt. Die Zeit war nicht immer leicht, ein paar Mal kam ich an meine körperlichen und seelischen Grenzen, sodass ich all meine Kraft zusammen nehmen musste um weiterzumachen. Aber wenn ihr mich fragen würdet, ob ich es wieder machen würde? Dann würde ich ein ganz deutliches und lautes „JA“ sagen, besser: schreien!

Denn die Momente, in denen ich gelacht habe, überwiegen bei weitem! Wir sprechen intern oft von unserer SOS-Familie. Und obwohl ich mit diesem Begriff vor meiner Zeit in Afrika Probleme hatte, weiß ich jetzt, dass er stimmt. In jedem Land, in dem ich war, wurde ich herzlich aufgenommen, manchmal mit anfänglicher Zurückhaltung, so wie es auch normal ist, aber ich habe mich überall wohl gefühlt und bin überall „angekommen“. Das ist, glaube ich, ein sehr eigenes Merkmal der SOS-Kinderdörfer. Wir sind in so vielen Ländern und Gegenden tätig, aber uns verbindet immer die Arbeit und der Sinn dahinter und die starken Prinzipien, die hinter unserer Arbeit und oft auch hinter unserer Berufung stehen. Für mich war diese Zeit sehr lehrreich. Ich habe im Persönlichen viele neue Stärken und auch Schwächen entdeckt. Und in beruflicher Hinsicht weiß ich nun viel mehr, was ich leisten kann und wie ich meinen eigenen kleinen Beitrag zusteuern kann, um unserem Ziel näher zu kommen.

Ich werde zum Glück wieder nach Ostafrika zurückkehren können, wenn auch nicht für so lange. Es ist also nur ein Abschied auf Zeit.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen fragen mich nach meinem schönsten und schlimmsten Erlebnis während meiner Zeit hier. Und das ist gar nicht so leicht zu beantworten, bei der Fülle an Eindrücken, die ich sammeln durfte.
Aber wohl eines der Erlebnisse, die mich am meisten mitgenommen haben, war der Besuch einer Familie in Kayonza in Ruanda. Das Paar lebt mit ihrem Kind in einer Unterkunft, die die Bezeichnung „Haus“ nicht verdient. Häuser in ländlichen Gegenden werden meist mit Holzstäben gebaut, die mit Lehm verbunden oder verklebt werden, und wenn das Geld reicht, kann man es sogar verputzen lassen und einen Zementboden einlegen. Diese Behausung hatte nichts dergleichen, man konnte die Holzstäbe sehen, es hatte nicht mal Lehm an allen Stellen und es gab eigentlich kein Dach. All drei Familienmitglieder sind HIV positiv, unterernährt, schwach und der Vater hatte eine opportunistische Infektion, die ihn zusätzliche schwächte. Er war so schwach, dass er nicht einmal mehr Wasser holen konnte. 

Es war nachmittags um drei, als wir dort ankamen, und die Familie hatte bis jetzt noch nichts gegessen. Die antiretroviralen Medikamente, die dem Ausbruch von Aids entgegen wirken sollen, müssen, um adäquat zu wirken, mit regelmäßiger Nahrung eingenommen werden. Die Regenzeit stand kurz bevor, dies bedeutet Nässe, Kälte und mögliche bakterielle Krankheitserreger im Wasser. Alles tödliche Gefahren für geschwächte, HIV infizierte Menschen. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, wie die Überlebenschancen der Familie stehen. Die drei sind zäh, aber die Aussichten sind, nun ja, nicht die besten. Ich schildere diese Situation sehr pragmatisch, nehme ich an, aber das ist wohl auch mein eigener Schutzmechanismus. Aber immer noch wirken die Bilder von diesem Besuch in mir nach.

Und die ergreifendsten Momente waren die, in denen ich lernen durfte, wie unsere Arbeit Wirkung zeigt. Dies war nur möglich dank der vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich so viel Zeit genommen haben, um mir zu erklären, wie Entwicklungszusammenarbeit in der Praxis funktioniert. Kiros in Tansania, Aster in Äthiopien, Dr. Abdullahi in Somalia, Ahmed in Somaliland, Mercy und Samburu in Kenia, Rose in Ruanda, Fulukas und Charles in Uganda. Chip, Chris, Ngendo, Virginia, Thomas, die beiden Willis im Regionalbüro Ostafrika und viele, viele andere. Es ist für mich nicht selbstverständlich, dass all diese Personen meine Lehrerinnen, Lehrer und Mentoren waren und mir dabei halfen, beruflich zu wachsen. Und gewachsen bin ich. Dank all dieser Menschen! Ich bin sehr dankbar für diese Zeit und diese Momente.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.