KAFFEE-ZEREMONIE vs. KAFFEE-PAD

Kaffee-Zeremonie vs. Kaffee-Pad;

was wir von Äthiopien lernen können: Sinnes-Glück statt Highspeed-Kick.

 

„Puuuh, jetzt brauch ich erstmal einen Kaffee!“ Das ist wahrscheinlich Deutschlands meist gesagter Satz  morgens zwischen 6 und 9. Im Office oder zu Hause – Rettung kommt dann  ganz schnell:

Einschalten, Kapsel rein, Knopfdruck, Brummen, fertig. Und dann ein langes leckeres „Aaaaah…“.

2315 Tassen pro Sekunde, 8 333333 pro Stunde oder lockere 200 Millionen Tassen pro Tag trinken die Deutschen im Schnitt. Immerhin 10 Prozent vom gesamten Pro-Kopf-Kaffee-Verbrauch weltweit.

 

Ich finde das immer wieder beeindruckend, aber gleichzeitig auch ziemlich eigenartig, weil – Kaffee schmeckt mir persönlich nämlich überhaupt nicht.

Die wahrscheinlich immer charmant gemeinte Einladungsfloskel „Gehen wir mal einen Kaffee trinken?“ imponiert mir deshalb auch überhaupt nicht und ich antworte darauf in der Regel  mit einem ehrlichen NEIN danke, lieber Tee.  Aber – jede Regel hat ja diese eine berühmte Ausnahme. Zum Glück. Sonst wäre ich sicher um ein für mich am Ende doch besonders sinnliches Erlebnis gekommen.

 

Vor ein paar Jahren habe ich für die SOS-Kinderdörfer für eine Weile in Äthiopien gearbeitet und gelebt – im Land der Wiege des Kaffees. Und damit im Land der KAFFEE-ZEREMONIE Das ist DAS äthiopische Ritual, zu dem bei jeder möglichen feierlichen Gelegenheit geladen wird. „Zusammen einen Kaffee trinken“ wird dort als wichtiges gesellschaftliches Ereignis zelebriert und dauert  – vom Eintreffen der ersten Gäste über die Zubereitung bis zum fertigen Kaffeegenuss –  meistens gleich mehrere Stunden.  Äthiopiens Lieblingsritual ist quasi der gelebte Gegenentwurf zum Zeitsparkonzept unserer mitteleuropäischen Kaffee-Pad-Industrie:

 

Jede KAFFEE-ZEREMONIE beginnt für die Gäste mit der persönlichen Begrüßung durch eine Zeremonien-Meisterin: in traditioneller Tracht bringt sie die Gäste – vorbei  an einem feierlich geschmückten Beet mit duftenden Gräsern – zu ihren Sitzgelegenheiten, wo sie die nächsten Stunden echte afrikanische Qualitytime erleben.  Zur Entspannung und zur Freude aller Sinne immer von einem Dauerhauch Weihrauch umgeben, verbringen die Gäste die Zeit bis zum fertigen Kaffee mit ausführlichen Gesprächen über Alltag, Pläne, Politik, Liebe, Ideen und aktuelle Ereignisse. Dazu gibt’s kleine leckere Knabbersnacks: Erdnüsse, geröstete Gerste, knackiges Popcorn. Damit wird allein schon die Zeit bis zum fertigen Kaffee  unterhaltsamer Genuss. Immer mit Blick auf das Zeremonie-Geschehen am kleinen Holzkohleofen:  Auf dem werden die Bohnen per Hand in eine flache Pfanne gegeben und geröstet, bis sie schwarz werden und glänzen.  Allein das duftet schon großartig! Die fertigen Kaffeebohnen kommen in eine kleine Mühle. Das frisch gemahlene Pulver gibt die Zeremonienmeisterin dann direkt in die Jebena

Ethio_2010 1128_small2 eine spezielle Kanne für genau diese Anlässe. Sobald das heiße Wasser den Kaffeeduft aus der Kanne lässt, wird serviert. Mit Zucker oder mit Salz. Und dann, endlich – der erste Schluck! Intensiv, kräftig, belebend. Ein Abenteuer für die Sinne…

Zurück in Deutschland wünsche ich mir noch heute oft,  dass die afrikanischen Kaffee-Exporteure in ihre prall gefüllten Säcke auch immer gleich eine kurze Anleitung zum  respektvollen Zelebrieren und miteinander Innehalten, Zubereiten und Genießen mit in die Welt schicken würden….

…..dann wäre mein JA zur Einladung „auf einen gemeinsamen Kaffee zu gehen“ sicher und quasi eine Garantie für eine abenteuerliche gemeinsame Zeit voller Genuss….

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