SIERRA LEONE – EIN STARKES LAND

Im SOS Kinderdorf in Freetown treffe ich mich mit Labor. Sie leitet die Einrichtung seit 15 Jahren. Im Sommer 2014 wurde auch sie  – wie alle anderen in der Region – von der Nachricht über den Ebola-Outbreak mit voller Wucht getroffen….

Als ich damals im Juni bei ihr zu Besuch war, spürten wir schon die Unruhe als Vorbote einer Bedrohung, die kurz darauf als Epidemie deklariert wurde. Ich erinnere mich, dass wir damals von den Kindern noch mit einem großen selbstgeschriebenen Schild empfangen wurden: „Willkommen bei SOS! Fühlt Euch frei, bei uns seid Ihr sicher!“. SONY DSCWir Gäste nahmen die herzliche Begrüßung gerne an und erlebten wirklich noch einen ungebrochen lebendigen Alltag im SOS-Kinderdorf….

Kurz nachdem wir weg waren, änderte sich das Leben schlagartig:

Es gab keine größeren Zusammenkünfte mehr,  jeder Kontakt zu anderen war mit Angst vor Ansteckung behaftet,  die  Versorgung von außen war komplett unterbrochen, Feste und sogar die gemeinsamen Kirchensonntage mussten ausfallen,  das SOS-Kinderdorf war – wie das ganze Land – von der Außenwelt isoliert.

Für eine Kultur wie die afrikanische war das neben den starken Verlusten das Allerschlimmste. Die Menschen hier leben ihre Gemeinschaft tagtäglich mit herzlichen Umarmungen oder einem vertraulichen Handschlag.  Man kommt gern draußen zusammen und redet mit den Nachbarn.  In Familien ist man sich besonders nah, teilt oft sogar einen Ess- oder Schlafplatz. Mit der Epidemie wurde diese starke Nähe abrupt auseinander gerissen. Die Menschen mussten plötzlich voneinander separiert bleiben, weil jeder ein potentieller Virenträger sein konnte…

Für die Kinder in den SOS-Kinderdörfern war die Isolation schwer zu verstehen.  Die Erwachsenen taten ihr Bestes, um sie zu beschäftigen. Bis die Regierung beschloss, die Kinder über Fernsehen und Radio zu unterrichten. SOS-Kinderdorfmitarbeiter hätten in dieser Zeit auch zu ihren Familien ins Land gedurft. Die meisten blieben aber, weil die Ansteckungsgefahr draußen einfach zu hoch war. Aber auch einige von ihnen  mussten Verluste von Familienmitgliedern hinnehmen, ohne irgendetwas tun zu können.

Viele Opfer der Epidemie konnten nicht von ihren Angehörigen bestattet werden. Die Beerdigungen mussten schnell gehen und so übernahmen sie die Einsatztrupps der Gesundheitsbehörde. Überlebende wissen oft bis heute nicht, an welchen Orten ihre Verwandten die letzte Ruhe fanden.

Die Geschichten sind bedrückend, aber die Gespräche helfen, zu verarbeiten und zu verstehen. Um möglichen neuen Ansteckungsgefahren zu entgehen, werden auch jetzt noch alle Präventionsregelungen beibehalten. Kids_HändewaschenNach wie vor ist es oberstes Gebot für alle hier, regelmäßig und ausführlich die Hände zu waschen. Auch wird immer noch stichpunktartig bei allen Bewohnern Temperatur gemessen, um mögliche Anzeichen frühzeitig zu erkennen und so möglichst sicher allen Gefahren vorzubeugen. Und nach wie vor findet man immer noch an jedem zweiten Laternenpfahl einen Hinweiszettel, im Notfall 117 zu wählen und Hilfe zu holen. Die Nummer galt in der Ebola-Epidemie-Zeit oft als einzige Möglichkeit zur Rettung vor dem Virus. Notfall117Das SOS-Kinderdorf hier in Freetown hat sich in dieser lebensbedrohlichen Zeit auf jeden Fall vorbildlich verhalten – das hat die Regierung von Sierra Leone mit einer Auszeichnung  bestätigt. Die Urkunde und die silberne Medaille für den „Special Ebola Award“ hängen mittlerweile im Office und erinnern die Mitarbeiter jeden Tag an ihre großartige Teamleistung.

UrkundeDirekt nach der offiziellen Erklärung über die erneute Ebola-Freiheit in der Region nahm SOS-Kinderdörfer Sierra Leone 50 Kinder auf, die ihre Familien durch die Epidemie verloren haben. In der nächsten Zeit kommen noch mal 30 neue Kinder dazu.

Während der Ebola-Zeit wurden viele Kinder vorerst in einem gemeinsamen Not-Stützpunkt verschiedener Hilfsorganisationen aufgenommen. Über 9000 waren zur Zeit des Höhepunkts der Epidemie im ganzen Land ohne geregelte Betreuung aufgefunden worden. Die meisten von ihnen konnten dann später aber zu Angehörigen zurück gebracht werden.

Die Schmerzen über die Verluste in den Köpfen und Herzen der Kinder werden lange Zeit brauchen, um zumindest etwas verblassen. Die Spuren der Auswirkungen der Epidemie werden aber auch in den Städten und Dörfern des Landes mit Sicherheit noch lange sichtbar bleiben.

Dennoch – während ich beim Gespräch mit Labor durchs SOS-Kinderdorf in Freetown laufe, erscheint mir die Zeit der traumatischen Ereignisse der Ebola-Epidemie schon wieder weit weg: Unglaublich schnell hat das Leben hier seinen ganz normalen Lauf wieder gefunden. Ich sehe, wie die Kinder aus der Schule kommen, wie die Mütter mittags in den Küchen stehen und das Essen vorbereiten, wie die Kinder gemeinsam in den Wohnzimmern sitzen und Hausaufgaben machen und wie sie am Nachmittag draußen zusammen spielen.Mütter_kochen1

Als ich mich später von Labor verabschiede, habe ich ein gutes Gefühl. Ich spüre, dass die Menschen in Sierra Leone ihren Alltag wiederfinden und auf einem guten Weg sind in neue Normalität.

Mit diesem Eindruck mache ich mich auf den Weg zurück nach Deutschland.

Auf Wiedersehen, Freetown – Wegoseeback! 

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