Ein schwerer Anfang

SOS-Kinderdörfer nehmen elternlose Kinder in Nepal auf

Laxmi vor ihrem zerstörten Elternhaus. – Foto: SOS Nepal

Heute Morgen, als ich im Büro war und an einem Artikel schrieb, weinte ein Kind so laut, dass mein nepalesischer Kollege Bipin und ich nicht wirklich weiter arbeiten konnten. Das Büro befindet sich auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfs Sanothimi, deshalb höre ich jeden Tag, wie die Kinder hier spielen. Sie sind schon mal laut, aber Schreie habe ich bis heute noch nie gehört. Ich dachte: ‚Was ist denn los??? Warum schreit denn dieses Kind so schrecklich?‘, musste aber versuchen, mich weiter auf die Arbeit zu konzentrieren.

Mittags ging ich mit meinen Kollegen essen. Neben dem Kinderdorf sind keine Restaurants oder Imbissbuden, deshalb essen alle, die im Nationalen Büro arbeiten, gemeinsam hier im Dorf. Eine nette Didi – so nennt man hier die Wirtinnen – bereitet jeden Tag sehr leckere nepalesische Gerichte für uns zu.

Oft bemerken Nachbarn zuerst, wenn ein Kind nach einer Katastrophe unbegleitet ist.

Ein SOS-Kinderdorf Mitarbeiter im Gespräch mit den Nachbarn vor Laxmis Elternhaus. – Foto: SOS-Nepal

Diesmal sitzt mit uns ein kleines mürrisches Mädchen am Tisch. Mit ihr Josna, eine der Sozialpädagoginnen des Kinderdorfs. Nun erfahre ich, dass die Kleine heute Morgen ins SOS-Kinderdorf gebracht wurde – sie ist das erste Erdbebenopfer, das wir aufnehmen. Das war also das Kind, das so verzweifelt geschrien hat.

Ich setzte mich neben ihr hin und wir essen gemeinsam. Meine Versuche, mit ihr zu sprechen, bleiben erfolglos, sie will mit keinem reden und sie will auch gar nicht hier sein. Es soll keinen neuen Anfang geben: Sie möchte zurück nach Hause und ist heute Vormittag sogar zweimal durch die Pforte des SOS-Kinderdorfs fort gelaufen.

Das Kind wird im SOS-Kinderdorf bleiben.

Laxmi am Mittagstisch – Foto: Elitsa Dincheva.

Für das kleine Mädchen Laxmi gibt es leider kein Zurück mehr. Das Erdbeben hat ihr alles genommen – sie musste zusehen, wie das Familienhaus zusammenbrach und ihre Eltern begrub. Sie hat draußen gespielt, als die Erde bebte und wollte in diesem Moment aller Logik zum Trotz zu ihren Eltern ins Haus laufen. Ihr Vater schrie von Innen “Bleib draußeeeen!!!”…und… das waren seine letzten Worte.

Das neunjährige Mädchen, das immer am Spielen und Tanzen war, und immer ein Lächeln im Gesicht hatte, ist zum ersten Mal sprachlos. Nachbarn haben den SOS-Mitarbeitern erzählt, sie sei Ihnen immer wie eine kleine Fee vorgekommen. Ihre Eltern waren arm, haben aber sehr hart gearbeitet, um ihre Tochter zu einer guten Schule schicken zu können. Ein sicheres Haus konnten sie sich nicht leisten und wohnten deshalb in dem alten Gemäuer, das ihnen am 25. April das Leben genommen hat.

Es ist nicht leicht, sich an ein neue Zuhause zu gewöhnen.

Ein erster Spaziergang durch das SOS-Kinderdorf. Foto: Elitsa Dincheva

Ich höre die Geschichte und schaue die kleine Laxmi an. Ich bin in diesem Moment voller Traurigkeit. Warum passiert so etwas? Wieso ist das Leben so grausam zu ihr? Ich werde darauf nie eine Antwort bekommen. Ich selbst spüre darüber so viel Schmerz, obwohl ich nur Zuhörerin bin. Es kann nur ein Bruchteil von dem sein, was diese kleine Kinderseele jetzt spürt.

Josna scheint aber bereits einen Zugang zu Laxmi gefunden zu haben. Sie konnte sie nach dem verzweifelten, mehrstündigen Heulen letztendlich beruhigen und jetzt schafft es Laxmi sogar zwischen paar Seufzern eine große Portion Reis aufzuessen. Ein gutes Zeichen, denke ich mir, während ich so neben ihr sitze. Und das bleibt so, als ich später sehe, wie die Kleine nach dem Essen Hand in Hand mit Josna einen Rundgang durch das Kinderdorf macht. Dieser zarte Anfang gibt doch ein bisschen Hoffnung.

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  1. Pingback: Laxmi kann wieder lachen | Helferin in Nepal | Blog aus SOS-Kinderdorf in Nepal

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