Erste Nachricht aus Nepal

Der charismatische Nationaldirektor Shankar hat Jahrzehnte als SOS-Dorfleiter gearbeitet
Der Nationaldirektor Shankar arbeitet seit 35 Jahren für das Wohl der Kinder in Nepal

Es ist schon eine Woche her, seit ich zurück in Deutschland bin. Ich habe viel geschlafen aber habe das Gefühl, ich könnte noch Tage weiter schlafen. Die Müdigkeit sitzt tief. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht die Nachrichten über Nepal verfolge. Und ich freue mich über jeden Tag, an dem kein weiteres großes Beben die Menschen und die Erde erschüttert. Ich wünsche den Nepalesen so sehr, dass das Nachbeben am 12.Mai das letzte war und die tiefsitzende Panik in den Menschen Stückchen für Stückchen verblasst. Dann erreicht mich heute eine Mail von Shankar, dem Nationaldirektor der SOS-Kinderdörfer Nepal, die mich sehr berührt und in Gedanken sofort wieder vor Ort sein lässt:

„Als uns das zweite starke Erdbeben am 12. Mai um 12:50h überraschte, war es schrecklich. Ich war gerade in meinem Büro und hätte es fast nicht mehr raus geschafft.  Ich  lief aus meinem Zimmer, doch die Erschütterungen waren so stark, dass ich keinen Schritt mehr vorwärts machen konnte. Ich konnte mich gerade noch am Türrahmen festhalten.

Dieses erneute Beben machte mich plötzlich so müde. Ich verlor von einer Sekunde auf die andere jegliche Hoffnung. Die Kraft, die ich gesammelt hatte, um in den Tagen nach dem ersten Beben Tag und Nacht arbeiten zu können, hatte mich einfach verlassen. Ich kam gegen das Gefühl der Hilflosigkeit nicht mehr an.

Das stabile Gebäuder des SOS-Nationalbüros hat beim zweiten Erdbeben überstanden, aber alle Wände haben stark gewackelt.

Das SOS-Nationalbüro befindet sich auf dem Gelände vom SOS-Kinderdorf Sanothimi. Trotz der stabilen Bauweise hat das Gebäude am 12.Mai wie ein Blatt gezittert.

Nach einer Stunde begriff ich: Das Leben muss weiter gehen. Dass wir in unserem Bemühen den Erdbebenopfern, den Familien und Kindern, zu helfen, nicht nachlassen dürfen. Im Gegenteil!  Wir müssen jetzt nach dem erneuten Beben unsere Hilfe noch einmal verstärken und dürfen auch nicht aufgeben, wenn viele Nepal verlassen.

Dieses Beben hat uns noch einmal zurückgeworfen. Menschen, die schon in ihre Häuser zurückgekehrt waren, leben  aus Angst vor weiteren Erschütterungen seit dem 12. Mai wieder auf der Straße.

SOS-Mitarbeiten kümmern sich unermüdlich um die Kinder nach dem Erdbeben.

SOS-Mitarbeiter sind seit dem Erdbeben dauernd im Einsatz. Das neue Beben vom 12.Mai hat ihre Kräfte erneut auf den Prüfstand gestellt.

Und ich frage mich: Wenn ich mich schon in meinem Haus, meinem Zuhause nicht sicher fühlen kann, wie soll das dann auf der offenen Straße gehen? Diese Frage beschäftigt mich seit dem 25. April. Dem Tag, der unser aller Leben veränderte. Meine Familie und ich beschlossen deshalb, trotz der Gefahr eines erneuten Bebens wieder im Haus zu schlafen. Wir können nicht zulassen, dass uns Angst und Unsicherheit überwältigen.“

Mir war nicht klar, dass das Erdbeben am 12. Mai so stark in Kathmandu zu spüren war. Meine SOS-Kollegin Ujjala, mit der ich gleich nach dem Beben telefonierte, meinte, alle SOS-Kollegen seien unverletzt und „safe“. Sie ersparte mir aber die Tatsache, dass sie noch einmal so durchgeschüttelt worden waren, dass die Bilder und die Angst, die sich nach dem ersten Beben festsetzten, wieder präsent wurden. Sie wollte nicht, dass ich mir Sorgen machte…und ich finde es unglaublich stark von ihr. Die Realität jedoch war anders. Wenn ich mir nochmal Shankars Zeilen durchlese, kann ich die Angst und Unsicherheit fast greifen. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass er den Mut und die Kraft wiedergefunden hat, weiter für die Opfer zu kämpfen. Respekt.

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