Die halb zerstörten Leben

Das Erdbeben hat Teile von Kathmandu verwahrlost

Im Stadtteil von Kathmandu Sakhu sind 70 Prozent der Häuser zerstört

Eine große Katastrophe wie das Erdbeben vom 25. April bringt viel mehr Facetten der Zerstörung mit sich als man denkt. Auf der einen Seite sind all diese Menschen, die wirklich alles verloren haben. Sie haben kein Dach über den Kopf, kein Geld, nicht mal einen Topf, wo sie ein bisschen Reis kochen könnten… sie tragen ihre einzigen Kleider am Leib. Dann gibt es diejenigen, die um ihr Leben buchstäblich rennen mussten, diejenigen, die dem Tod ganz nah waren und mit kleinen oder großen Verletzungen entkommen sind. Sie sind schwer traumatisiert und geraten in Panik wenn sie eine unruhige oder laute Menschenmenge sehen – aus Angst, dass der Grund der Unruhe ein Beben sein könnte. Diese Menschen haben vielleicht noch intakte Häuser oder können bei Verwandten unterkommen, aber die enorme Furcht, ein Gebäude zu betreten, wird sie noch lange begleiten.

Die kleine Resika lächelt die Welt an. Sie hat das Erdbeben am 25. April überlebt.

Die dreijährige Resika kann nocht nicht sprechen, lächelt mich aber die ganze Zeit in der SOS-Nothilfe-Kita an

Und dann gibt es auch Menschen, die insgesamt mehr Glück hatten – ihre Kinder und Familienangehörige sind unversehrt geblieben, sie können weiter ihrer Arbeit nachgehen und ihre Häuser liegen nicht in Trümmern. Man würde sagen – na Gott sei Dank… alles ist da in Ordnung. So ganz heil ist die Situation allerdings nicht. Das Erdbeben hat Risse hinterlassen – auch im Leben von diesen wenigen „Glücklichen“.

Lachana und ihre Familie sind ein Beispiel dafür, dass nach dem Glück, das Beben überlebt zu haben, sich unerwartetes ein Unglück hereinschleichen kann. Ich habe Lachana während einem meiner Nothilfe-Kita-Besuche in Sakhu, Kathmandu kennengelernt. Ihre dreijährige Tochter Resika hat meine Aufmerksamkeit gleich nach dem Betreten der Kita gefesselt. Alle anderen Kinder schrien und lachten, Resika lächelte nur. Sie hat eine ganze halbe Stunde nicht aufgehört mich sooo süß anzulächeln… es hat gereicht, dass ich ihr einen Blick zuwerfe, schon hat die Kleine wieder gestrahlt. Ich habe von einer SOS-Mitarbeiterin erfahren, dass obwohl Resika schon drei Jahre alt ist, sie immer noch nicht sprechen kann. Dann habe ich mir gleich gedacht „das kleine Mädchen kommuniziert mit dem Rest der Welt nur durch ihr Lächeln – so schön macht sie das, aber gleichzeitig ist es auch traurig“.

Lachana fürchtet sich um das Leben ihrer beiden Töchter

Lachana freut sich, dass ihre Töchter wieder lachen können. Nur tagsüber in der SOS-Nothilfe-Kita weiß sie aber, dass sie in Sicherheit sind.

Irgendwann kam Lachana in die Kita, um ihre beiden Töchter zu sehen. Die Schwester von Resika war im zweiten Zelt bei den älteren Kindern, die statt Malen und Spielen schon eine improvisierte Art Unterricht hatten. Die Mädchen haben sich auf ihre Mutter sehr gefreut und sie gleicht umarmt. Sie sah jedoch ziemlich müde und sehr besorgt aus. Im ersten Moment dachte ich, vielleicht liegt ihr Haus in Trümmern, aber diese Vermutung verneinte sie. Lachana hat mich dann mitgenommen und mir ihr Zuhause gezeigt. Es lag in einer der Straßen des Stadtteils Sakhu, wo 70 Prozent der Gebäude zerstört wurden.

Zwischen zwei Ruinen stand noch das kleine Haus von Lachanas Familie. Unten ein kleiner Tante-Emma-Laden, oben die Schlafzimmer. Überall gab es Risse in den Wänden… draußen, drinnen… manche klein, manche groß.

Das Haus von Lachana hat mehrere Risse, die Nachbarhäuser liegen in Trümmern.

Das Haus von Lachanas Familie.

„Es ist ein so unwohles Gefühl, sich hier aufzuhalten. Früher habe ich meinen ganzen Tag hier verbracht – habe im Laden verkauft und abends war ich mit den Kindern oben. Jetzt öffne ich den Laden nur für eine Stunde oder zwei, da ich einfach Angst habe, hier länger  zu bleiben. Besonders schlimm wird es aber nachts. Ich weiß nicht, ob wir am nächsten Tag heil aufstehen können.“

Lachana ist verzweifelt und weiß nicht mehr, ob sie das Richtige für ihre Töchter tut oder nicht. Sie haben alle überlebt, aber zwischen all den anderen Trümmern in ihrer Strasse und nach den ständigen Nachbeben fühlen sie sich nicht als „Gewinner“. Es kann sie jederzeit treffen.

„Geld muss man aber auch verdienen. Ich kann nicht sagen – ich habe Angst im Laden zu sein, ich gehe nicht hin. Was werden dann meine Töchter zu essen bekommen?“. Die Situation von Resika und ihrer Familie wird sich allerdings nicht bald ändern.

Der Laden ist die Finanzquelle der Familie.

Der Laden ist die Finanzquelle der Familie.

Zuerst bekommen diejenigen Menschen Hilfe, die viel mehr durch das Erdbeben verloren haben. Die „leichten Fälle“ werden zunächst weiter in ständiger Angst leben müssen. Tagsüber werden Resika und ihre Schwester in der SOS-Nothilfe-Kita betreut und ihre Mutter darf für einige Stunden durchatmen. Dann wird es aber wieder nachts…

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