Athen: Sicherheit in einer unbeständigen Welt

Nikos Kaitsas

Nikos Kaitsas

Während die griechische Gesellschaft immer noch versucht zu verstehen, was schief gelaufen ist, zwingt uns die grausame Realität, kreativ und erfindungsreich zu werden, neue Fähigkeiten zu entwickeln, uns neue Gewohnheiten anzueignen und uns zurückzuerinnern an unsere Werte – als Individuen und als Gesellschaft. Ihr findet das zynisch? Klischeehaft? Ich kann euch sagen: Wenn das Überleben zu deiner täglichen Hauptaufgabe wird (und für viele Leute in Griechenland ist das keine Übertreibung), wird das permanente Umdenken zu einer sehr praktischen Übung!

In den nächsten Wochen werde ich euch ausführlicher von den SOS-Kinderdörfern erzählen, davon, was wir genau tun, wie wir es tun und warum. Doch zunächst möchte ich mit euch die Gedanken teilen, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Sie haben mit der Krise zu tun, der steigenden Arbeitslosigkeit und den Auswirkungen, die diese auf den mentalen Zustand der Menschen hat.

Der moderne Mensch definiert sich zu einem großen Teil über seine Arbeit und seinen finanziellen Status. Wenn er nun plötzlich massive Kürzungen zu verkraften hat, dann führt das nicht nur zu praktischen Einschnitten, sondern auch zu einem Zusammenbruch des Wertesystems. Der Kollaps hat zwei Ebenen. Die strukturelle Ebene: Man schafft es nicht mehr, seine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen und seinen gewohnten Lebensstil aufrecht zu erhalten. Die psychologische Ebene: Sie betrifft die Fähigkeit, sich mental in einer Realität zurechtzufinden, die deutlich schroffer ist als zuvor. Das Selbstbild, das Selbstbewusstsein und die Zufriedenheit des Einzelnen, aber auch der gesamten Gemeinschaft, geraten ins Wanken.

Entscheidend ist, mit welchen Widerstandskräften das jeweilige soziale System ausgestattet ist, um sich auf diese brutalen Veränderungen einzustellen und wie diese Mechanismen dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen zu überleben. Ich könnte jetzt ausholen und darüber sprechen wie der Kollaps zu vermeiden wäre, aber für den Moment möchte ich auf diejenigen schauen, die es nicht schaffen! Das „GSEE Arbeitsinstitut“ prognostiziert uns eine Arbeitslosenquote von 22 Prozent bis zum Ende des Jahres – bezogen auf die griechische Bevölkerung und noch ohne Bezugnahme auf die Einwanderer. In den sozialschwachen Schichten kommen jetzt verstärkt Faktoren wie soziale Diskriminierung, sozialer Ausschluss, Unsicherheit, mangelnde Bildung und Armut dazu. Sie tragen dazu bei, dass die Auswirkungen noch deutlich gravierender sind.

"Wie stellst Du Dir die Zukunft vor?" - SOS-Kinder verarbeiten viele ihrer Erlebnisse in Bildern

"Wie stellst Du Dir die Zukunft vor?" - SOS-Kinder verarbeiten viele ihrer Erlebnisse in Bildern

Wie ihr euch vorstellen könnt, reicht es nicht, diese Probleme theoretisch durchzusprechen! Was wir jetzt in Griechenland brauchen,  ist ein umfassendes Programm, das den Menschen hilft! Ich denke an ein Unterstützer-Netzwerk, das nicht nur die Hilfe aus dem Ausland mit einbezieht, sondern auch die Ressourcen, die unsere eigene Gesellschaft zu bieten hat. Ich könnte eine Reihe von Untersuchungen aufzählen, die klar machen, wo wir ansetzen müssen: bei Erziehungsproblemen, beim Selbstbewusstsein, bei der physischen und psychischen Verfassung von Kindern, deren Familien von Arbeitslosigkeit betroffen sind…
Ich denke, ihr wisst, was ich meine.

Als Kinderhilfsorganisation reagieren wir, indem wir uns bemühen, unser Programm zur Familienhilfe weiter zu etablieren und auszuweiten. Wir unterstützten arme Familien dabei, mit dem Stress und denn psychologischen Auswirkungen der Krise umgehen zu lernen, indem wir sie beraten und wenn nötig psychotherapeutisch betreuen, das gilt für Eltern wie Kinder. Wir helfen auch bei Schulproblemen, und manche Familien versorgen wir mit Lebensmitteln oder Haushaltsgegenständen.

Kurz gesagt ist die SOS-Familienhilfe ein ganzheitlicher Ansatz, der arme Familien individuell und nach Bedarf unterstützt. Unser Ziel ist es, die Familien zu stärken, ihre Widerstandskräfte und ihren Zusammenhalt zu verbessern, um zu vermeiden, dass sie sich entzweien, auseinanderbrechen und die Kinder ihre Eltern und ihr gewohntes Umfeld verlieren.

Wenn eine solche Familie nicht irgendwann in diesem dramatischen Prozess Unterstützung bekommt, passiert es leider schneller, als man sich das vorstellen möchte, dass sie nicht mehr in der Lage ist, für ihre Kinder zu sorgen. Und die Eltern werden zu einer Organisation wie den SOS-Kinderdörfern kommen in der Hoffnung, dass diese schafft, was sie nicht mehr können: für die Sicherheit ihrer Kindern sorgen.
Wir alle suchen nach Sicherheit und Beständigkeit in einer unsicheren Welt…

Alles Gute…

Eine Antwort auf Athen: Sicherheit in einer unbeständigen Welt

  1. wilma nikoloudi sagt:

    Da ich mich sehr viel in GR aufhalte, kenne ich die große Not hier. Es tut einem in der Seele weh, wie gerade die Armen leiden und ausgequetscht werden. Die Reichen überstehen die Krise ohne viel davon abzukriegen.
    In den vergangenen Jahren habe ich nach Polen, Bosnien, Rumänien Kinderkleidung verschickt, die in der Schule, wo ich arbeite, „vergessen“ wurde. Es handelt sich meist um wenig getragene Jacken. Mäntel, Anoraks. Haben Sie auch Interesse daran?Dann schreibem Sie mir bitte, wohin die Sachen geschickt werden sollen.
    Mit freundlichen Grüßen! W. Nikoloudi
    Ich bin regelmäßige Spenderin bei SOS Kinderdorf international, bitte, informieren Sie mich, wie meine Spende gezielt nach GR kommt.

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