Wer Essen auf den Tisch stellen möchte, braucht zumindest einen Tisch!

Kredite, Solidaritätspakt, historische Umschuldung … Griechenland ist in aller Munde und natürlich verfolgen wir alle die Ereignisse. Aber ich könnte aus dem Stand 80 krisengeschüttelte Familien nennen, die nicht die leiseste Idee haben, wie diese politischen Entscheidungen ihr Leben verbessern sollten. Oder ob sie dazu führen, dass sie wieder etwas zu essen für ihre Kinder auf den Küchentisch stellen können – falls sie noch einen Küchentisch haben!

Ihr glaubt, ich übertreibe? Ganz ehrlich: Ich lebe mitten in Athen, überall hier ist die Krise handfeste Realität, und ich finde wichtig, dass ihr das wisst: Die Arbeitslosigkeit bewegt sich auf die 25-Prozent-Marke zu, die Gehälter und Pensionen sinken rapide, die Lebenskosten aber nicht. Sie sind so hoch wie in Großbritannien! Für die Familien, die vorher schon arm waren, wird die Situation dramatisch, man spürt das an allen Ecken.

Allein heute, an einem einzigen Tag, habe ich 55 Bewerbungen von Psychologen und Sozialarbeitern auf zwei ausgeschriebene Stellen in Kreta bekommen. Dann, am Nachmittag, ich hatte gerade begonnen, diesen Text zu schreiben, wurde ich vom Klingeln meines Handys unterbrochen. Am anderen Ende eine unbekannte Frauenstimme. Keine Ahnung, wie die Anruferin an meine Nummer gekommen war. Sie stellte sich als Alexandra vor und betonte, dass ich sie unbedingt noch auf die Bewerberliste nehmen müsse. Das klang eher nach einer Forderung als einer Bitte.
Ich erklärte ihr, dass ich aus Fairnessgründen den anderen Bewerbern gegenüber, unser übliches Prozedere einhalten müsse. Dazu gehört, dass ich vor dem Auswahlverfahren keinen persönlichen Kontakt zu den Bewerbern habe. Aber die Frau ließ nicht locker und weckte mit ihrer Hartnäckigkeit meine Neugier. Ich fragte also, was sie genau wolle. Sofort verspürte ich einen Schimmer Hoffnung in ihrer Stimme und merkte, wie meine professionelle Distanz ins Wanken geriet. Ganz offensichtlich bin ich zu sensibel für diese Zeiten!

Die Frau wohnte in Heraklion, der Hautstadt Kretas, und wollte sich als ungelernte Kraft bewerben. Sie betonte, dass sie keine Arbeit scheue und keine langen Tage, sie habe schon in Krankenhäusern geputzt, in Cafés und privaten Haushalten gearbeitet. Als sie hörte, dass wir einen Psychologen oder Sozialarbeiter suchen, wurde sie kurz still. Und erzählte dann, dass sie leider nicht die Möglichkeit hatte, Sozialwissenschaften zu studieren, wie es ihr Wunsch gewesen sei. Ihre Eltern waren Bauern und seit sie denken könne, habe ihre Familie ums Überleben gekämpft. Das Beste, was sie hervorgebracht habe, seien ihre beiden Kinder, heute 20 und 24 Jahre alt – und arbeitslos. Ihr Mann habe lange Jahre ein Alkoholproblem gehabt, das er aber glücklicherweise gelöst habe. Nur sei er jetzt in ihrem Umfeld stigmatisiert und niemand wolle ihm einen Job geben.

Wie frustrierend, sich dieses Leben vorzustellen! Ich könnte nicht sagen, ob die Frau gelogen hat, aber allein der Ton ihrer Stimme und die Tatsache, dass sie mit aller Energie meine private Handy-Nummer herausgefunden hatte, berührten mich.

Ich versprach der Frau, sie im Kopf zu behalten, falls wir demnächst eine Stelle zu besetzen hätten, für die sie in Frage kommt. Ich glaube, zumindest das können wir alle tun: Menschen wie Alexandra und ihre Familie im Kopf behalten. Denn ich bin nicht sicher, ob die Politiker tatsächlich begreifen, wie ernst die Lage für manche Leute ist. Deshalb müssen wir alle uns kümmern, jeder einzelne, die Gemeinschaften und Organisationen wie die SOS-Kinderdörfer.

Eine Antwort auf Wer Essen auf den Tisch stellen möchte, braucht zumindest einen Tisch!

  1. Nikola sagt:

    Lieber Nikos,
    Ich finde Deinen blog ganz wunderbar! Er laesst uns begreifen, wie es den Menschen im Augenblick in Griechenland geht, also in Europe, gar nicht weit weg von Deutschland. Ich sitze in Ostafrika und erlebe hier die absolut extreme Armut. Und die Armut ist hier natuerlich viel ausgepraegter, aber das aendert nichts daran, dass auch unsere Nachbarn oft taeglich damit zu kaempfen haben, ihren Weg zu gehen, sich um ihre Kinder zu kuemmern und auch sie manchmal nicht mehr wissen, wie es weiter gehen soll! Dein blog ist ungemein wichtig, uns ein Gesicht der Armut in Europa zu zeigen! Danke Dir!
    Nikola … vom blog nebenan

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