Die Weisheit einer einfachen Frau

SOS-Kinderdorf in Vari/ Griechenland

SOS-Kinderdorf in Vari/ Griechenland

In den letzten drei Monaten haben meine Kollegen und ich viel darüber diskutiert, wie wir mit unseren Maßnahmen eine breitere Bevölkerungsschicht erreichen können. Die Krise verschärft sich vor allem in den griechischen Provinzen und die Gemeinden dort haben keinerlei Möglichkeiten, die betroffenen Menschen zu unterstützen. Deshalb haben wir uns, in Absprache mit unseren Kolleginnen und Kollegen vor Ort, zum Ziel gesetzt, in den besonders bedrohten Gebieten Sozialzentren einzurichten, um Familien in Not zu helfen. Dazu gehört die Insel Kreta, aber auch Nordgriechenland und vor allem die Gemeinde Komotini in Ostmakedonien. Abgesehen von den materiellen Problemen, fehlt es den Menschen vor allem an psychologischer Unterstützung.

Ihr mögt euch fragen, wie ein Sozialzentrum überhaupt helfen kann. Nun, zunächst einmal möchten wir versuchen, die Menschen zu stabilisieren, indem wir sie auf psychologischer, sozialer und moralischer Ebene unterstützen. Weil viele Menschen ihren sozialen Status nicht mehr aufrecht erhalten können, ist auch der Zusammenhalt der Familien deutlich geschwächt und die Sozialstruktur gesamter Gemeinden gerät ins Wanken. Plötzlich stellen sich die Menschen ganz neue Fragen: Was ist meine Rolle, meine Aufgabe im Leben? Welche Ziele kann ich noch erreichen, nachdem alle meine bisherigen Vorstellungen und Träume geplatzt sind? Da können die SOS-Kinderdörfer helfen!

Einige Tage, bevor ich mich auf den Weg nach Kreta machte, um dort die Personalgespräche mit den Psychologen und Sozialarbeitern zu führen, die sich auf die ausgeschriebenen Stellen beworben hatten, rief mich erneut Alexandra an, die Frau, die mir am Telefon so eindringlich geschildert hatte, warum sie einen Job braucht (Mehr dazu in dem Text „Wer Essen auf den Tisch stellen möchte…).
Alexandra bat um einen Termin, und obwohl ich von neun Uhr morgens bis zwanzig Uhr abends Gespräche hatte, brachte ich es nicht übers Herz, sie abzulehnen, und ich vereinbarte mit ihr, dass sie am Abend nach dem letzten Bewerber für eine halbe Stunde zu uns ins Büro kommen sollte. Ich war ziemlich k.o. nach diesem langen Tag, aber sobald ich Alexandra sah, schämte ich mich fast dafür, dass ich meine eigene Erschöpfung so wichtig nahm. Vor mir stand eine stolze Frau Mitte vierzig, deren Gesicht eindeutig vom Kummer gezeichnet war und deren ganze Gestalt Müdigkeit ausdrückte. Aber trotzdem war sie sehr gepflegt und fixierte mich mit wachen, klaren Augen.

Sie bedankte sich höflich dafür, dass ich ihr die Gelegenheit zu diesem Gespräch gab. Sofort wollte ich ansetzen, dass dies nicht bedeute, dass wir einen Job für sie hätten, aber sie winkte ab: Das sei ihr klar! Es war ihr einfach ein Bedürfnis, mit jemandem außerhalb ihrer engen Gemeinde in Herakleion über ihre Situation zu sprechen.

Alexandra fing an: „Die Krise macht die Menschen einerseits viel sensibler für die Not und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen, aber gleichzeitig haben sie selbst viel weniger zu geben!“ Sie sprach weiter und erklärte meinen Kollegen und mir, dass sie ursprünglich herkommen wollte, um für sich selbst um Arbeit zu bitten, aber nachdem sie Tag für Tag miterlebe, wie ihre beiden Töchter ohne Ziel und Hoffnung herumhängen, sei es ihr einfach nicht mehr möglich, auch nur irgendetwas für sich selbst zu fordern. Alexandra erzählte, dass beide Töchter bei der Australischen Botschaft vorstellig geworden waren, und ihre Papiere abgegeben haben, um in Australien als Immigranten zu arbeiten. Nun warten sie auf Antwort. „Was wollen Sie tun, um Ihre Familie über Wasser zu halten?“ fragte ich sie. Alexandra lachte selbstbewusst und sagte: „Keine Sorge, Herr Kaitsas! Ich bin die Tochter einer Bauernfamilie! Ich weiß, wie man sät und wie man erntet. Solange ich ein kleines Stück Land habe, werden wir überleben. Früher hatte ich  große Pläne für mich selbst, die leider nicht in Erfüllung gegangen sind. Nun sehe ich es als meine Aufgabe an, meine Kinder darin zu bestärken, trotz allem an ihre Träume zu glauben!“

Meine Kollegen und ich waren sprachlos angesichts des Auftritts dieser einfachen Frau – mit so viel  Präsenz, gewähltem Ausdruck und Weisheit. Möge Gott sie und ihre Familie beschützen!

Eine Antwort auf Die Weisheit einer einfachen Frau

  1. Jean sagt:

    Toll, das ist endlich mal ein informativer Beitrag, vielen Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich die Seite gut zu lesen und leicht zu verstehen.

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