Ein Apfel und ein Luftkuss

Für einige Zeit war ich wieder in meiner Heimatstadt Aleppo. Wie einige hundert andere junge Menschen wollte ich meine Zwischenprüfung an der Uni ablegen.

Wie soll man beschreiben, wie sich ein Tag dort anfühlt? in einer Stadt, in der der Krieg wütet?

Du wachst auf unter einer Sonne, die alles tut, was sie kann, um die Dunkelheit zu vertreiben, die Angst, die Tränen der Kinder, die vielen Toten. Es gelingt ihr kaum. Dann beginnst du deinen Tag in der Hoffnung, dass die eine Stunde, in der Aleppo täglich Strom hat, so fällt, dass du sie nutzen kannst, um wenigstens einen Teil deiner Arbeit erledigen zu können. Wenn du mit dem Bus fährst, bekommst du eher einen Platz als früher, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind lange nicht mehr so voll; nahezu bei jeder Fahrt ist jemand dabei, der verletzt ist. Wenn die Route am „University Hospital“ vorbei geht, fragte immer jemand, ob der Fahrer dort halten kann.

rama

Rama verkauft Süßigkeiten auf der Straße. Lieber würde sie zur Schule gehen. 

Während der nächsten Stunden horchst du aufmerksam, ob nicht irgendwo die Sirene eines Krankenwagens ertönt und du hoffst, dass die Granteinschläge, die Aleppo auch heute wieder treffen, deine Freunde und deine Familie verschonen. Wenn du abends Freunde treffen möchtest, ist das ein riskantes Unternehmen. Es kann sein, dass du deinen Weg fünf Mal ändern musst, um die Granateinschläge zu umgehen, die du schon von weitem hörst.  Es ist ein Wahnsinn, überhaupt rauszugehen, aber du riskierst es trotzdem, weil du manche deiner Freunde vielleicht nie mehr sehen wirst, weil sie sich auf der Flucht vor dem Krieg in alle Richtungen aufmachen.

ammar

Ammar wünscht sich, dass die Leute mehr in ihm sehen als einen Straßenverkäufer.

Resigniert stieg ich einige Wochen später wieder in den Bus ein, der mich zurück nach Damaskus bringen würde. Es war noch etwas Zeit bis zur Abfahrt. Viele Kinder liefen auf dem Terminal herum, versuchten Süßigkeiten zu verkaufen. Ein Mädchen stieg in unseren Bus ein, manche Leute kauften ihr etwas ab, andere scheuchten sie weg. Dann blieb sie hinter meinem Sitz stehen. Ich hatte mir einige Notizen auf Englisch gemacht – und plötzlich begann das Mädchen, sie laut zu lesen. Als sie stockte, bat ich sie weiterzulesen.

Sie las eine ganze Seite, ihre Stimme klang unsicher. „Lese ich richtig?“, fragte sie mich. Das Mädchen hieß Rama und war 12 Jahre alt. Sie erzählte: „In der Schule habe ich Englisch geliebt! Ich habe auch gerne die Lieder gesungen, die uns beigebracht wurden. Aber als eine Granate auf unser Haus fiel und mein Bruder eine Hand verlor, habe ich angefangen, als Straßenverkäuferin zu arbeiten, um meiner Familie zu helfen.“ Rama sagte, dass sie Lehrerin werden möchte. Sie träumte davon, jemand zu werden, dem die Menschen zuhören. Dann wollte sie mich unbedingt mitnehmen.

Apfel

Obwohl die Kinder so gut wie nichts besitzen, schenkten sie mir zum Abschied einen Apfel.

Wir stiegen aus dem Bus aus und Rama stellte mir ihren Freund Ammar vor. Er saß auf einem Stuhl bei einem Feuer und verteilte Papiertücher an die Menschen, die die Toilette besuchen. Amar bot mir seinen einzigen Sitz an – „Du siehst müde aus!“, sagte er zu mir. Dann erzählte auch er seine Geschichte: Sechs Mal hat er nun schon seinen Wohnort gewechselt, seit der Krieg begonnen hat. Um es in ihrem Haus halbwegs warm zu haben, heizt seine Familie in einer Metalltonne alles Holz ein, was sie finden kann. Amars Hände waren rußgeschwärzt.

Ammar schaute mich an und sagte: „Du bist die erste, die sich für uns interessiert und sich mit uns unterhält. Normalerweise legen die Leute nur ihr Geld hin und behandeln uns wie Maschinen, die Süßigkeiten, Toilettenpapier oder irgendetwas anderes ausspucken.“

Bald darauf musste ich wieder in den Bus einsteigen. Kurz vor der Abfahrt kamen die Kinder nochmal zu mir. Sie hielten mir einen roten Apfel hin, auf dessen Schale sie ihre Namen geschrieben hatten und dazu auf Englisch „Thank You!“. Rama sagte: „Damit du uns nicht vergisst.“ Zum Abschied winkte sie und warf einen Kuss in die Luft.

Ich kam mir reich beschenkt vor. Was könnte wertvoller sein als dieser Apfel, der Kuss und das Leuchten in ihren Augen?

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