Bilder in Schwarz, Weiß und Rot

Über die Talente eines Kindes zu sprechen und sie zu fördern, ist ein Luxus friedlicher Zeiten. Im fünften Jahr des Kriegs in Syrien sind die Talente und Begabungen vieler Kinder verschüttet, manchmal werden sie sogar zum Fluch: Wenn ein Kind eine gute Beobachtungsgabe hat und jedes schreckliche Detail der brutalen Auseinandersetzungen speichert.

Der 16jährige Alaa galt in seinem Umfeld als hochtalentierter Zeichner. Er malte seine Freunde und Verwandten, in bunten Farben malte er sein Zuhause oder die berühmten Plätze von Damaskus. Seine Lehrer waren begeistert und glaubten daran, dass Alaa später einmal ein Künstler werden würde.

Als Alaa elf Jahre alt war, wurde Jobar, das Viertel von Damaskus, in dem der Junge mit seiner Familie lebte, zum Zentrum brutaler Auseinandersetzungen.

Alaa

Es schien, als habe Alaa sein Talent für immer verloren.  Im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer hat er wieder zu zeichnen begonnen.

Alaa musste die Schule verlassen, da seine Familie immer wieder gezwungen war, den Wohnort zu wechseln. Zeitweilig lebte sie bei Alaas Onkel. Der Junge erinnert sich: „Wir waren mindestens zwanzig Kinder in dem Haus, als wir belagert wurden. Wir durften nicht einmal weinen, denn wenn wir geweint hätten, hätten die Angreifer uns sofort entdeckt und abgeschlachtet wie unsere Nachbarn. Als wir das Haus endlich verlassen konnten, stiegen wir über Leichen und menschliche Überreste. Ich hielt die Hand meines Vaters fest umklammert. Als wir weitergingen, hörten wir die Stimme eines Mädchens, das unter einem zusammengestürzten Haus lag. Ich half meinem Vater, sie zu befreien. As wir sie hochhoben, blieben ihre Hände am Boden liegen. Sie waren beide abgehakt worden. Dieses Moment werde ich nie vergessen.“

Alaa musste all seine Stifte und Malutensilien zurücklassen. Wenn er sich jetzt hinsetzte, um etwas zu zeichnen, waren seine Bilder schwarz, weiß und rot. „Das waren die Farben, die meine Augen an jedem neuen Ort wahrnahmen, an den wir auf der Suche nach einem Wohnort kamen.“

Dann wurde der Junge von seinen Eltern getrennt. Der Stadtteil Jobar war inzwischen „berühmt“ geworden für seine Geschichten von Zerstörung, Massakern und menschlichem Leid, für schwarzen Rauch und unzählige Tote. Für Alaa hat er auch heute noch eine ganz andere Bedeutung: Zuhause. Das Zuhause, das er einmal hatte, Freunde, Glück, Familie, Spielplatz, Schule, ein blauer Himmel ohne Rauchwolken. Jobar, das war auch der Ort, an dem ihm alle sagten, wie talentiert er sei. Damals, vor einer Ewigkeit.

Irgendwann hörte Alaa ganz auf zu malen. „Ich habe nichts anderes mehr gesehen als Zerstörung. Und meine Hände begannen zu zittern, wann immer ich einen Stift in die Hand nahm.“

Inzwischen lebt Alaa im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer für verlassene Kinder in Damaskus, von seinen Eltern fehlt jede Spur. Alaa bekommt psychologische Unterstützung und allmählich wird sein Zustand stabiler. Alaa sagt: „Ich hatte Angst, dass ich nie wieder etwas zeichnen würde. Aber jetzt ist meine Hand ruhiger geworden und ich habe wieder die ersten Bilder gemalt.“

Wie könnte man behaupten, dass Alaa Glück gehabt hat? Und doch geht es ihm besser als unzähligen anderen Kindern in Syrien – die alleine sind, keine Unterstützung bekommen und deren Talente vielleicht für immer verloren sind.

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