Der Duft von Gewürzen und frischem Brot

Waleed und Ahmad

Für Waleed Al-Rawas und Ahmad war der Gewürzladen in Aleppos Altstadt mehr als ein Geschäft, es war ihr Zuhause.

Bei meinem letzten Besuch in Aleppo habe ich Waleed Al-Rawas, den Gewürzhändler, und Ahmad, seinen Mitarbeiter, wiedergetroffen. Bald waren wir in unseren Erinnerungen in der Zeit von vor dem Krieg gelandet und keiner von uns konnte aufhören, davon zu sprechen: von dem Getümmel in der Altstadt, den Gerüchen nach gutem Brot oder von Abou Al-Ward, dem Lakritzverkäufer, den wirklich jeder fotografierte.

Waleed, 72, ist in der Altstadt von Aleppo geboren, er ist hier aufgewachsen. Mit 15 Jahren hatte er angefangen, seinem Vater in dessen Gewürzgeschäft zu helfen.

Gewürze

Aleppo war für seine Gewürze berühmt.

 

Bis er Ende dreißig war, war es ihm gelungen, das Geschäft zu erweitern und zwei zusätzliche Läden aufzumachen. Waleed erzählt: „Dieser Duft in unserem Laden war einzigartig. Und jedes Gewürz hatte seine Besonderheit.“

Die Altstadt von Aleppo war ein quirliger Ort. 1986 war sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden, sie war unverwechselbar mit ihren großen Villen, schmalen Straßen, ihren „souqs“, den überdachten Gassen, in denen die Händler ihre Ware verkauften, und den alten Karawansereien, die früher den Reisenden samt ihrer Tiere als Unterkunft gedient hatten.

Zahlreiche Touristen kamen jedes Jahr hier her und auch unter Syriern war Aleppo beliebt. Die Stadt stand eigentlich nie still. Das Leben begann morgens um sieben und endete nicht vor vier Uhr am nächsten Morgen. Die Menschen trafen sich, um das herrliche Essen zu genießen, am Fluss entlang zu spazieren oder einfach, um sich auszutauschen. Bis die Sonne wieder aufging.

Verkäufer

Ein Original aus alten Zeiten: Abou Al-Ward, der Lakritz-Verkäufer, mit dem sich jeder fotografieren ließ.

Waleed erinnert sich genau an den Tag, an dem er sein Geschäft zum letzten Mal zusperrte. „Die Gefechte waren immer näher gekommen und mein Laden war einer der letzten, die noch geöffnet hatten. Ich war überzeugt, dass spätestens nach zwei Tagen die Gefahr vorüber wäre und ich wiederkommen würde.“ Waleed und einige der anderen Händler versuchten, mit den Rebellen zu sprechen. Vergeblich. Aus den zwei Tagen sind inzwischen drei Jahre geworden. Waleed hat wenig Hoffnung, dass von seinem Geschäft noch irgendetwas steht. „Wahrscheinlich ist es verbrannt oder verwüstet worden“, glaubt Ahmad, Waleeds 22 Jahre alter Mitarbeiter.  Er sagt: „Ich habe mehr Zeit in unserem Laden verbracht als mit meiner Familie. Es war mein Zuhause.“

geschäft

Waleeds ehemaliges Geschäft in Aleppos Altstadt.

Die Zerstörung in Aleppo geht weiter und mit jedem verwüsteten Haus, mit jeder eingeschlagenen Mauer, wird auch etwas in den Menschen zerstört. Waleed erzählt: „Vor einigen Tagen hörte ich in den Nachrichten, dass ein Teil der alten Zitadelle beschädigt worden sei. Das traf mich direkt ins Herz.“

Waleed hat ein neues Geschäft in einem anderen, sichereren Stadtteil aufgebaut. Er hat den Laden genauso dekoriert wie den alten und auch hier riecht es gut nach Gewürzen.

Aber es ist nicht dasselbe.

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