Der Junge und der Straßenverkäufer

Sahlab

Ayman zieht mit seinem Karren durch die Straßen und verkauft Sahlab. Besonders die Kinder lieben das süße Milchgetränk.

Moustafa  ist ein zwölfjähriger Junge und lebt in einer Zeltstadt, Ayman ist ein Straßenverkäufer und fast blind. Seit kurzem sind die beiden Freunde.

Seit er ein junger Mann war, verkauft Ayman „Sahlab“, ein süßes Milchgetränk, das aus unserem Land nicht wegzudenken ist. Mit Sahlab verbindet fast jeder Syrer Erinnerungen wie diese: In der Früh, wenn es draußen noch kalt ist, machst du dich auf den Weg zur Schule, in der Hand schon das nötige Kleingeld. Wenige Straßen weiter kaufst du dir bei einem der fliegenden Händler einen Becher „Sahlab“. Die Hände werden warm und mit jedem Schluck weckt das heiße Milchgetränk wohlige Gefühle. „Sahlab“, das ist Geborgenheit, Trost, heile Welt, heute mehr denn je.

Ayman war früher schon bekannt für seinen besonders guten „Sahlab“.  Außer Milch und Zucker kommt vor allem ein aus den Wurzeln wilder Orchideen gewonnenes Pulver in das Getränk. Daneben hat jeder Verkäufer seine Spezialzutaten und Ayman hatte den Bogen raus.

Kinder

Viele Kinder können sich den Sahlab heute kaum leisten. Oft gibt Ayman ihnen einen Becher gratis.

Er arbeitete auch dann weiter, als er aufgrund einer Diabetes nahezu blind wurde. Ayman war da gerade Mitte 30 und seitdem nahm er die Welt und seine kleinen Käufer nur noch schemenhaft wahr.  „Heute bin ich fast froh darüber“, sagt Ayman. „In meinem Kopf kann ich Aleppo immer noch farbenfroh und wunderschön aussehen lassen.“ Unzerstört und kraftvoll, so, wie früher, bevor der Krieg begann.

Die Bomben fielen, Aymann zog weiter mit seinem Handkarren durch die Straßen. Alles war gleich und alles war anders: Das Plastikdach seines Wagens war nun nicht mehr quietschbunt, sondern grau, ausgegeben vom Hilfswerk der Vereinten Nationen, dessen Logo „UNHCR“ darauf prangte. Dieses Grau wurde in Aleppo immer mehr zur dominierenden Farbe, man sieht es in den Shops, man sieht es in den Zeltstädten der Flüchtlinge, auch Moustafa und seine Familie leben in einem dieser grauen Zelte. Und im Gegensatz zu früher können sich viele Menschen den Becher „Sahlab“ kaum noch leisten. Ayman schenkt die süße Milch dann oft gratis aus, so auch an Moustafa, der an einem eisigen Tag zu ihm kam. „Hier, trink, es wärmt dich wenigstens für eine Weile“, hatte Ayman gesagt und Moustafa hatte dankend angenommen. „Mir war so kalt, meine Hände taten weh“, erinnert sich der Junge.

Moustafa

Seit einiger Zeit begleitet Moustafa Ayman durch die Straßen. Die Beiden sind Freunde.

Die Beiden begannen sich zu unterhalten. Moustafa erzählte von seinem Leben in der Zeltstadt und vom SOS-Kinderzentrum, das er seit einiger Zeit regelmäßig besuchte und wo er spielen konnte, Lesen und Schreiben lernte. Es gefiel ihm dort, er war glücklich, etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen zu können. Ayman erzählte von seiner Arbeit und seinen täglichen Erlebnissen. Dann fragte Moustafa, warum er sich denn so langsam bewege und Ayman erklärte, dass er nur noch wenig sehe.

Als die Beiden auseinander gingen, hatten sie eine Abmachung getroffen: Moustafa würde Ayman jeden Tag für ein paar Stunden helfen, dafür würde der Verkäufer dem Jungen etwas Geld zahlen. So könnte der Junge seine Familie unterstützen und in der verbleibenden Zeit weiter im Zentrum der SOS-Kinderdörfer spielen und lernen.

Seitdem ziehen die Beiden gemeinsam durch Aleppos Straßen, mittlerweile für viele ein vertrautes Bild. Ayman sagt: „Moustafa ersetzt mein Augenlicht. Auch wenn er noch ein Kind ist, fühle ich mich sehr unterstützt.“ Moustafa sagt: „Ich habe Ayman vom ersten Augenblick an gern gehabt. All meine Freunde kommen nun zu uns, wenn sie Geld für einen Becher Sahlab haben, sie kaufen nur noch bei Ayman.“

Dass das Geschäft der Beiden gut läuft, mag auch an Moustafas Fröhlichkeit liegen. Oft hört man ihn lachen und Ayman und seine Kunden mit dazu. Ayman sagt: „In solchen Momenten vermisse ich keine Farben mehr. Dann ist das Leben wieder bunt!“

Eine Antwort auf Der Junge und der Straßenverkäufer

  1. Andreas Kutsenits sagt:

    Dear Ms. Abeer Pamuk!

    I’m Andreas from Austria and I love music absolutely, that’s my interest and I am also the singer in a Rock’n’Blues band.
    When I read, then books about science, culture, nature and so on. I usually don’t read newspapers or magazines.
    But about a week ago I had to clear up my mother’s post-box, so it won’t overflow, because she was in hospital.
    In that post-box was a magazine called NEWS and I said to myself okay, I don’t expect much but, just glance through.
    And suddenly it was this article in about you, your history, SOS Kinderdorf and your efforts in your homecountry to give help, hope and support to children.

    And…I saw your picture, your eyes, your smile and I knew – please don’t laugh even if I sound ridiculous or absurd…that I know you from a previous life, a long time ago!

    Ms. Pamuk, I am not religious I don’t believe in a god or a Satan or whatsoever, I believe in people and Shakespeare let Hamlet tell Horatio: “There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy” and I am amazed about myself while I write these lines, THAT I write these lines.

    Important things have changed within me in the last few weeks, I can feel some kind of butterfly chrysalis inside of me and it is ready to hatch out. There’s more to write and much more to say but, to make a long story short:

    I feel and I know I’ve found my job, my purpose, and I want to personally come to Syria and support you in your efforts to give these children help, hope and a future.

    Ms. Pamuk, please communicate with me. I guess you’ve questions on me, so we can know of each other a little bit and I need your thoughts and assessment before I get in contact with SOS Kinderdorf Austria, for all the information ’s essential for – if possible – to do that step.

    I am still aroused but glad I did this writing.

    My thoughts are with you and the kids!!

    With highest respect and
    peace, health, success

    Andreas Kutsenits

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