„Die gleichen Leute, die jetzt in Frankreich getötet haben, haben auch mein Zuhause zerstört!“

Die Stadt Deir Ezzor im Osten Syriens war bekannt für ihre Farmen und ihre freundlichen Menschen. Tayf, ein 13-jähriges Mädchen, war hier zuhause und führte mit ihrer Familie selbst zu Kriegszeiten noch ein halbwegs normales Leben.

Terror 1

Tayf ist mit ihrer Familie vor dem IS geflohen. Nach wie vor morden und zerstören die Terroristen in der früheren Heimat des Mädchens.

Bis zum Jahr 2013, in dem die Terroristen des IS die Kontrolle über die Stadt gewannen und reihenweise Menschen umbrachten. Sie beschuldigten ihre Opfer der Lüge, der Gotteslästerung und vieler anderer Dinge.

Als ich Tayf in Damaskus treffe, spricht sie mich auf die Attentate in Frankreich an. „Ich möchte der Welt sagen, dass dies genau die Leute waren, die auch mein Zuhause und meine Schule zerstört haben!“

Tayfs Familie floh aus Deir Ezzor und kam in Al-Dahadeel, einem Stadtteil von Damaskus, unter. Glücklich war sie damit nicht, sagt Tayfs Vater. „Der Stadtteil gilt nicht gerade als sicher, aber mehr konnten wir uns nicht leisten! Sicherheit kostet dieser Tage Geld in Syrien.“

Tayf und ihre Geschwister konnten nicht mehr zur Schule gehen, ihr Vater nahm jede Arbeit an, um die Miete zu zahlen und die Familie zu ernähren. Tage des Hungers und eiskalte Nächte, in denen sie unter dünnen Decken froren, gehörten nun zum Leben der Familie. Aber immerhin hatten sie im Gegensatz zu vielen Nachbarn fließendes Wasser. „Wir gewöhnten uns an diesen Zustand und hatten das Gefühl, es noch halbwegs gut getroffen zu haben“, sagt Tayfs Vater.

Tayf vor Ruinen

Auch in ihrem neuen Haus in Damaskus war Tayfs Familie nicht sicher. Bei einem Flugzeugabsturz wurde es zerstört. Das Mädchen wurde schwer verletzt.

Dann kam dieser Tag im August 2013. Tayf stand im Haus mit ihrer Tante zusammen. Flugzeuglärm war hörbar, so laut, dass Tayf lauter sprach, damit ihre Tante sie verstehen konnte. Doch der Lärm verstärkte sich – das Flugzeug stürzte ins Nachbarhaus und auch die Wände ihres Hauses stürzten ein. Tayf und fünf weitere Familienmitglieder wurden schwer verletzt, Tayfs Mutter und Bruder hatten Verletzungen am ganzen Körper, ihr Tante verlor ein Auge, ihr Onkel starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Tayf verlor das Bewusstsein und kam wieder zu sich, als sich jemand über sie beugte und sie soeben wiederbelebt hatte. „Aber ich war in einem toten Körper aufgewacht! Ich konnte meine Beine nicht bewegen“, erzählt das Mädchen. Die SOS-Kinderdörfer unterstützten die Familie, finanzierten die nötigen Operationen für Tayf. Die Ärzte blieben skeptisch und prognostizierten, dass Tayf vielleicht nie wieder laufen könne.

Familie im Haus

Sie versuchen, weiter zuversichtlich zu bleiben – aber jede Rakete, jedes Flugzeug, das sie hören, erinnert sie an den Schrecken von damals.

Tayf erinnert sich: „Ich wollte es einfach nicht glauben! Nach einem Monat spürte ich zum ersten Mal meine Beine wieder. Ich machte die ersten Schritte – die Schmerzen, die ich dabei hatte, waren unbeschreiblich. Trotzdem wollte ich mir nichts anmerken lassen und versuchte, nicht zu weinen, denn ich wusste, dass man mich sonst wieder in den Rollstuhl setzen würde.“

Die Familie zog zurück in die Ruine ihres Hauses und Tayf lernte mühevoll wieder laufen. Ihr Vater erzählt: „Als Tayf zum ersten Mal wieder ein Flugzeug über unserem Haus hörte, war sie so erschrocken, dass sie zwei Tage lang kein Wort sprach.“ Bis heute bringt das Geräusch eines Flugzeugs oder einer Rakete den Terror jenes Tages zurück. Auch er selbst habe Angst, aber versuche gegenüber seiner Frau und seinen Kindern Sicherheit auszustrahlen. „Aber es gelingt mir immer weniger. Immer wieder habe ich diesen Traum: Meine Tochter sitzt weinend im Rollstuhl und ich versuche sie zu füttern.“

Tayf und ihre Mutter

Tayfs Mutter will weg von diesem Ort, an dem sie alle fast gestorben wären. Immer öfter spricht die Familie von der Flucht nach Europa.

Welche Möglichkeiten bleiben? Immer öfter spricht die Familie davon, über das Meer nach Europa zu fliehen; das Risiko einzugehen. „Alles ist besser, als hierzubleiben – an dem Ort, an dem wir fast gestorben wären“ , betont Tayfs Mutter.

Tayf sagt: „Die Terroristen haben in Frankreich unschuldige Menschen getötet. In Deir Ezzor, wo wir einmal zuhause waren, töten sie täglich weiter. Es ist undenkbar, dorthin zurück zu gehen.“

Tayf wünscht sich ein Leben in Sicherheit. Und später, da würde sie gerne Ärztin werden. „Als ich im Krankenhaus war, habe ich viele Kinder mit schlimmen Verletzungen gesehen. Ich möchte so vielen wie möglich helfen, wieder gesund zu werden.“

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