Die Menschen sollen mich lieben, nicht auslachen

Maleks T-Shirt war zerrissen, seine Hände dreckig und zerkratzt, der Kopf gebeugt.  Er sah ängstlich und verunsichert aus, wie er da stand im Büro der SOS-Kinderdörfer und darum bat, bei uns bleiben zu dürfen. Mit seinen neun Jahren hatte er niemanden mehr. Wo seine Eltern waren, wusste er nicht, er hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt noch lebten.

Malek* war in Jarmuk aufgewachsen, einem Stadtteil von Damaskus, der aus einem palästinensischen Flüchtlingslager hervorgegangen war. Auch Malek und seine Eltern waren Palästinenser.  An den letzten Tag in seinem Zuhause erinnert sich der Junge noch genau: „Ich war damals fünf Jahre alt. Meine Mutter sagte, dass ich rechtzeitig zum Essen kommen solle. Es sollte ein spezielles Nudelgericht mit Käse geben, mein Lieblingsgericht. Zusammen mit meinem kleinen Bruder ging ich zum Spielplatz, als plötzlich eine Granate in unserer Mitte explodierte.

Majed

Malek hat im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer ein neues Zuhause bekommen. Wo seine Eltern sind und ob sie noch leben, weiß er nicht.

Ich versteckte ich mich hinter einer Wand. Mein Bruder war nirgendwo zu sehen, dafür sah ich dicken, schwarzen Rauch, Blut und menschliche Überreste – nie zuvor hatte ich so etwas erlebt.  Auch meine eigene Kleidung war voller Blut. Ich dachte, es käme von jemand anderem, aber dann sah ich meine Hand – es fehlte ein Finger. Das ganze Blut war mein eigenes. Es war schrecklich. Das letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass ich über den Boden gekrabbelt bin, um meinen Finger zu suchen. Ich dachte,  wenn ich ihn nur finden würde, würdeman ihn mir in einem Krankenhaus wieder annähen. Dann wurde ich ohnmächtig.“

Erst im Krankenhaus kam Malek wieder zur Besinnung, seine rechte Hand war einbandagiert. Er fragte nach seinen Eltern, nach seiner Familie. „Und wo soll ich jetzt hin? Was soll ich essen? Wo kann ich duschen?“ Und immer wieder: „Wo sind meine Eltern?“

Er bekam keine Antworten. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, befand er sich ganz allein  in Al-Zahira, einem völlig fremden Viertel.  „Ich stellte bald fest, dass es viele Kinder gab wie mich, die durch den Krieg zu Waisen geworden waren und nun auf der Straße lebten. Sie waren dreckig und alle hatten Narben.“

Malek schlief nun nachts unter Plastikplanen, bettelte auf der Straße um Geld, manchmal musste er sich sein Essen aus Mülltonnen zusammen suchen. Anfangs hoffte er noch, dass er seine Eltern wiederfinden würde, aber irgendwann gab er auf. „Unser Viertel Jarmuk hat soviele Massaker, Belagerungen und Kämpfe erlebt – ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass noch jemand lebt. Und ich weiß nicht einmal mehr die Namen meiner Eltern, ich war ja noch so klein.“

Nach vier Jahren auf der Straße ist Malek müde. „Ich will nicht mehr darüber nachdenken, wo ich schlafen und was ich essen kann. Ich möchte ein Zuhause haben, und dass die Menschen um mich herum mich lieben anstatt mich auszulachen. Und ich möchte so gerne in die Schule gehen.“

Er erinnert sich noch an einen Satz seines Vaters und seines Großvaters: „Vernachlässige nie deine Ausbildung!“ Malek sagt: „In dem Jahr, als die Granate einschlug, hätte ich eingeschult werden sollen, dazu ist es nie gekommen.“

Malek wird im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer ein neues Zuhause bekommen, so, wie 93 weitere Kinder, die im Krieg ihre Eltern verloren haben. Die Jungen und Mädchen bekommen Liebe und Fürsorge und Hilfe bei der Bewältigung ihrer Traumata. Sie gehen in die Schule und werden beim Lernen unterstützt.

Malek erklärt: „Ich freue mich darauf, zu spielen und zu lernen und vor allem Zeit zu haben, darüber nachzudenken, wer ich später einmal sein möchte.“

* Name von der Redaktion geändert

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