Ein halbes Glas Wasser

Keine Frage, ich gehöre zu den Glücklichen: Nach fünf Jahren Krieg lebe ich noch. Ich bin unverletzt. Ich genieße das Privileg, arbeiten zu dürfen und ich habe sogar die Möglichkeit, Woche für Woche all die kleinen Details des Krieges aufzuschreiben und der Welt von diesem Wahnsinn zu berichten.

Es geht mir also gut. Äußerlich. Wie sehr mich der Krieg dennoch im Griff hat und mein ganzes Leben beeinflusst, war mir lange Zeit selbst nicht klar. Dann zog ich von Aleppo nach Damaskus. Zwei Jahre lang hatte ich in einer der meistumkämpften Städte Syriens gelebt. Der Krieg war allgegenwärtig und seine Begleiterscheinungen auch: Wasserknappheit, kein Strom, kein Internet, manchmal funktionierte nicht einmal das Radio.

Aleppo am abend

Das Zentrum von Aleppo am Abend: Die einzigen Lichter, die zu sehen sind, kommen von den vorbeifahrenden Autos. Um Häuser oder Straßen zu beleuchten, fehlt der Strom.

Nun hatte ich diesen Ort also hinter mir gelassen. Auch in Damaskus herrscht Krieg, aber immerhin ist die Grundversorgung halbwegs intakt. Erst in diesem für mich fast schon normalen Umfeld wurde mir bewusst, wie sehr ich mich in den letzten Jahren an den Krieg angepasst hatte.

Tag Eins in Damaskus: Im Büro der SOS-Kinderdörfer gieße ich mir wiederholt ein Glas halbvoll mit Wasser, als mich eine Kollegin fragt, warum ich das Glas nicht ganz fülle. Ich muss einen Moment nachdenken, bevor ich antworte: „In Aleppo war jeder Tropfen Wasser kostbar. Du wirst dort Experte im Wassersparen – ob du willst oder nicht.“

Tag Zwei:  Ich gehe in die Bank, um Geld abzuheben – und bin fast erschrocken, als eine Ansage über Lautsprecher kommt   – hier gibt es ja Strom! Natürlich gibt es Strom: der Raum ist erleuchtet, der Drucker läuft und die Geldautomaten funktionieren. Wenn ich in Aleppo Geld abholen wollte, zog ich eine Nummer und wartete in der dunklen Halle, die Beamten sorgfältig im Blick. Wenn es gut lief, bekam ich noch am selben Tag einen Scheck oder mein Geld. Wenn es schlecht lief, dauerte es zwei Monate.

Am Abend in meiner neuen Wohnung: Es ist dunkel, als ich von der Arbeit nach Hause komme. Automatisch hole ich mein Handy aus der Tasche und schalte die Taschenlampe an. Meine Mitbewohnerin sieht mich irritiert an und sagt: „Du weißt schon, dass es hier diesen Schalter gibt… Du musst nur darauf drücken, dann geht das Licht an.“ Ich gebe ihr keine Antwort und verlasse wütend das Zimmer.

Rana

Als Rana nach Damaskus gezogen war, putzte sie sich aus Gewohnheit weiterhin die Zähne im Dunkeln.

Der nächste Morgen: Um mir das Gesicht zu waschen, koche ich Wasser auf dem Ofen, nehme eine Plastikflasche mit kaltem Wasser mit ins Bad und schütte beides zusammen, bis die Temperatur passt. Mein Makeup trage ich draußen auf dem Balkon auf, weil es in der Wohnung zu dunkel ist. Ich erhitze das Bügeleisen auf dem Herd, um … Als ich abermals dem Blick meiner Mitbewohnerin begegne, wird mir mit einem Schlag klar, dass all dies viel einfacher und schneller gegangen wäre – wenn ich die Dinge nicht auf „meine Art“ oder besser: nach Art des Krieges getan hätte.

Und so geht es weiter: Fährt ein Auto über ein Stück Plastik, halte ich das Geräusch für einen Gewehrschuss, steigt Rauch aus einem Schornstein auf, denke ich an brennende Gebäude, die Sirene eines Krankenwagens bringt die Bilder all der Toten, die ich gesehen habe, wieder her und wenn sich der Regen mit der roten Erde mischt, sehe ich Blut vor mir.

Als ich eines Tages meine Freundin Rana treffe, die ebenfalls von Aleppo nach Damaskus gezogen ist, bin ich fast erleichtert, dass sie von ähnlichen Dingen erzählt: Wie sie sich in ihrem neuen Zuhause die Zähne im Dunkeln geputzt hat, weil sie es nicht mehr anders gewohnt war. Und wie sie in einem Café in Damaskus unter den Tisch flüchtete, als ein Wagen vorbeifuhr und Pestizide verteilte…

Aber ja – wir leben noch.

 

 

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