Flucht aus der Heimat

Wer bei google das Wort „Syrien“ eingibt, bekommt Ergebnisse, in denen folgenden Wörter auftauchen: Krieg, Zerstörung, ISIS, Terroristen, Angriff, Massaker, Tod, Krise, Mangel, Belagerung, Flüchtlinge…

zerstörung

Krieg und Zerstörung vernichten die Lebensgrundlage vieler Menschen in Syrien.

Das Syrien, das für Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft steht, scheint nicht mehr zu existieren. Auch nicht das Land, das bis vor wenigen Jahren noch Zufluchtsort für Flüchtlinge aus den Nachbarländern war: Noch 2012 lebten alleine 1,8 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak in Syrien. Auch Palästinenser (540.000) und Armenier ( 130.000) haben bei uns Zuflucht gefunden.

Das ist nun alles Vergangenheit. Inzwischen stürzen die Bevölkerungszahlen in den Keller. Die aktuelle Einwohnerzahl liegt bei 22 Millionen. Laut Bericht der Vereinten Nationen fliehen jeden Tag 5000 Syrer aus dem Land, 28 Prozent aller Syrer sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Insgesamt haben schon zwei Millionen Syrer das Land verlassen und 4,25 Millionen sind auf der Flucht im eigenen Land.

Es braucht triftige Gründe, damit jemand sein Zuhause, Freunde, Familie, ein soziales Leben und die Arbeitsstelle hinter sich lässt – für eine Reise ins Ungewisse. Für die meisten Menschen sind es drei Aspekte, die sie aus Syrien fliehen lassen: Sicherheit, Lebensqualität und  wirtschaftliche Not.

Ein Leben in Sicherheit

Am 15. Januar verkündeten die Vereinten Nationen, dass im Syrienkrieg bereist 220.000 Menschen gestorben waren, darunter 11.021 Kinder und 7049 Frauen.

Wer dieser Tage in Syrien durch die Straßen läuft, weiß, dass auch das eigene Leben von einer Sekunde zur anderer brutal beendet werden kann und die Statistik weiter die Höhe geht. Wer täglich von neuen Opfern, getöteten Freunden, verletzten Nachbarn hört, hat nur wenig andere Gedanken im Kopf. Und was, wenn nicht ich sterbe, sondern jemand aus meiner Familie? Was, wenn ich schwer verletzt überlebe – ist das besser oder schlechter? Mit jeder Explosion, mit jedem Granateinschlag beginnen solche Gedanken und Gespräche von vorne.

Alan Hakki

Als Innendesigner fand Alan Hakki keine Arbeit. Wer sollte sich sein Haus einrichten lassen, wenn morgen alles zerstört werden könnte?

Vor diesem Hintergrund sind die Risiken, die mit einer Flucht einhergehen, relativ: Auch dabei kann man sterben, aber die Gefahr ist punktuell und es ist Hoffnung in Sicht! „Man kann Strapazen aushalten, wenn man weiß, dass sie irgendwann vorbei sein werden“, hat eine Studentin zu mir gesagt.

Wer in Syrien bleibt, weiß das nicht. Im Gegenteil: Vor allem die jungen Männer erwarten mit großer Furcht ihren 18. Geburtstag, denn mit 18 werden sie in die Armee eingezogen und der Tod rückt noch ein ganzes Stück näher. Jeder, der kann, versucht mit Tricks die Einberufung hinauszuzögern. So erzählt Samer Ali, ein 26jähriger Student: „Ich bin dreimal hintereinander durch meine Prüfungen gefallen, um Zeit zu gewinnen. Ich habe gearbeitet, Geld gespart und Fluchtpläne gemacht.“ So, wie Hunderttausende anderer Studenten! Samer Ali lebt heute in Schweden.

 

Ein lebenswertes Leben

Ein Kriegsjahr folgt dem anderen – besonders die jungen Leute sehen, wie ihre „besten Jahre“ in Angst und Schrecken vergehen. Es wäre die Zeit, in der sich die Persönlichkeit definiert, Berufswege heranreifen, Freundschaften und Beziehungen geschlossen werden, der persönliche Lebensweg Form annimmt. Aber Studenten, die mit 18 zu studieren begonnen haben, bevor der Krieg begonnen hatte,  sind heute 23 und ihre Träume werden immer bescheidener. Fragst du sie, was sie sich wünschen, antworten sie, zu überleben und die Basisbedürfnisse wie Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf und Elektrizität, befriedigen zu können. Viele verlassen das Land aus diesen Gründen.

Ein Beispiel: Alan Hakki ist 25 Jahre alt. Er hat in Aleppo Kunst studiert und sich auf Inneneinrichtung spezialisiert, außerdem spielt er Geige. Nach seinem Studium hat er alles getan, um einen Job zu finden, aber für die Menschen in Syrien wäre es heute so ziemlich das Letzte, Geld für Dekoration und Design auszugeben. Die meisten könnten sich das ohnehin nicht leisten und die wenigen, die das Geld hätten, würden ihr Haus nicht aufwendig einrichten lassen, wenn sie wissen, dass es am nächsten Tag zerstört werden kann.

Alan Hakki lebt nun in Istanbul, er arbeitet für eine Designfirma. Er spielt auch wieder regelmäßig Geige und unterstützt unter anderem eine Kinderhilfsorganisation, die Musiktherapien anbietet.

Sara Hallaq

Sara Hallaq lebt jetzt mit ihrem Freund in Belgien. Sie erwartet bald ein Baby. In Syrien hätte sie nicht gewagt, ein Kind zu bekommen.

Oder nehmen wir Sara Hallaq: Nach ihrem Studium und ihrer Lehrerausbildung floh sie zusammen mit anderen auf einem Boot nach Belgien. Zehn Tage brauchte sie, bis sie dort ankam. „Das waren die schlimmsten zehn Tage meines Lebens! Ich hatte furchtbare Angst zu ertrinken, aber auch davor, geschnappt und nach Syrien zurückgebracht zu werden.“ Das Gefühl, nun in Frieden zu leben, ist für sie unbeschreiblich – vor allem jetzt, wo sie und ihr Freund ein Kind erwarten. „In Syrien hätte ich das nie riskiert. Ein Kind hat in Syrien keine Zukunft,  und ich verstehe jede einzelne Mutter, die alles dafür tut, ihre Kinder außer Landes zu bringen!“

Finanzielle Sicherheit

Auch die unsichere wirtschaftliche Lage führt dazu, dass immer mehr Menschen ins Ausland gehen. Dabei geht es nicht um Luxus, sondern darum, eine Familie finanzieren zu können. Millionen Menschen sind durch den Krieg verarmt, laut Schätzung betraf dies 2014 vier von fünf Syrern.  Die Arbeitslosigkeit ist von 2011 bis 2014 von 15  auf 58 % gestiegen. Das bedeutet, dass drei Millionen Menschen ohne Arbeit sind. Nimmt man die betroffenen Familien hinzu, die an jedem Arbeitslosen hängen, kommt man auf über zwölf Millionen. Gleichzeitig schießen die Preise in die Höhe. Wer noch ein bisschen Geld übrig hat, versucht es für seine Flucht einzusetzen…

Wer bleibt im Land?

Vielleicht sollte man die Frage angesichts all dieser Gründe eher andersherum stellen: Warum bleiben überhaupt noch Menschen im Land?

Es gibt praktisch niemanden, der bleiben WILL! Die meisten MÜSSEN bleiben, weil sie sich eine Flucht nicht leisten können oder weil sie zu alt oder zu krank sind. Oder sie haben Angst, ihre Familie nicht wiederzusehen, sie sehen keine Möglichkeit, dem Militärdienst zu entkommen oder arbeiten für eine humanitäre Organisation.

Auch ich gehöre zu ihnen… Jeden Tag versuche ich, Hoffnung zu schöpfen. Jeden Tag versuche ich, dem Leben etwas Schönes abzuringen…

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