„Ich gehe nicht, ich renne nicht, ich versuche zu fliegen!“

Kinder

Die Kinder, die an der Grenzlinie leben, sind Experten im Ausweichen vor Scharfschützen geworden.

Vor ein paar Tagen bin ich aus Aleppo wiedergekommen – der einst so wunderschönen Stadt. Jetzt ist sie zerstört, geteilt und wird von verschiedenen Gruppierungen kontrolliert. Bei meinem Besuch war der Übergangspunkt „Bustan Al-Qasr“ geschlossen. Das bedeutete, dass, wer von dem einen Teil der Stadt in den anderen gelangen wollte, einen achtstündigen Weg auf sich nehmen musste, entweder durch ISIS-kontrolliertes Gebiet oder vorbei an den Posten der “Freien Syrischen Armee“. Es gibt eine dritte Variante, die nur 5 Minuten dauert, allerdings ist sie gesundheitlich eingeschränkten Menschen vorbehalten, meist alten Menschen oder Kindern, und die Auflagen sind streng. Der Übergang findet nach offizieller Vereinbarung aller Parteien ausschließlich in Begleitung von Rotkreuz-Mitarbeitern statt, die eine weiße Fahne hoch halten, Zivilisten müssen spezielle Westen mit dem Logo des Roten Kreuzes tragen. Jeder Übergang muss auf beiden Seiten gemeldet werden.

Für die Menschen, die entlang der Grenzlinie leben, ist jede Bewegung ein Risiko, überall lauern Scharfschützen. Immer wieder sieht man vor allem Kinder eng an den Häuserwänden entlanglaufen. In der Mitte der Straße zu gehen, wäre viel zu riskant. Makabererweise sind gerade die Kinder zu Experten in Bezug auf Scharfschützen geworden: Sie wissen am allerbesten, welche Wege du besser nicht nimmst und was du zu beachten hast. Lamis, 11 Jahre alt, sagt: „Wenn eine Straße von Scharfschützen kontrolliert wird, musst du deinen Blick immer nach unten richten. Schaue niemals geradeaus, denn die meisten Scharfschützen mögen es nicht, wenn man ihnen in die Augen schaut.“ Lamis hat das Glück, weiterhin die Schule besuchen zu können, aber der Weg dorthin bedeutet jeden Morgen ein Risiko. „Wenn ich die Straße überquere, gehe ich nicht, renne ich nicht, sondern ich versuche zu fliegen“, sagt sie. Manchmal schießen die Schützen den Kindern zwischen die Füße, um sie zu erschrecken.

Familie

Lamis und ihre Geschwister leben zusammen mit ihren Eltern in einem einzigen Raum. Ihr altes Zuhause gibt es nicht mehr.

Lamis nimmt uns mit zu ihrem einfachen Zuhause. Die SOS-Kinderdörfer unterstützen 100 Familien, die entlang der Frontlinie in Aleppo leben. Seit Juni 2015 haben wir die Familien mit 1244 Lebensmittelkörben versorgt. Nachdem wir von Lamis‘ Familie erfahren haben, möchten wir sie besuchen und unsere Unterstützung anbieten.

Lamis  gibt uns genaue Anweisungen: “Sobald wir gleich rechts um die Ecke biegen, werden wir von Scharfschützen beobachtet. Schaut nach unten, bleibt eng an der Wand.” Ich weiß nicht, was schauriger ist, die bevorstehende Gefahr, oder die Tatsache, dass dieses 11-jährige Mädchen solche Fertigkeiten ausbilden musste, um zu überleben.

Schritt für Schritt gehen wir weiter auf der Straße, auf der täglich mindestens zwei Menschen erschossen werden. Den Blick, wie angewiesen, nach unten gerichtet, sehe ich die schmalen Füße des Mädchens. Lamis läuft vorsichtig durch Glasscherben, Metall, Reste von Kleidung, Müll, Steine und eine beachtliche Menge an Gewehrkugeln jeder Größe. Dann sind wir an unserem Ziel: einem Haus mit nur einem dunklen Zimmer. „Alles gut gegangen, der Scharfschütze war freundlich“, sagt Lamis und nimmt uns mit hinein. Der Raum ist voller Kinder, Lamis‘ sechs Geschwister, in der Ecke sitzt ein alter Mann, Lamis‘ Vater. Alle schauen verwundert auf, als sie uns sehen. Besucher sind hier selten.

Lamis und ihr Bruder

Lamis versucht, für ihren jüngeren Bruder da zu sein.

Noch bevor ich mich vorstellen kann, sagt der alte Mann: “An deiner Weste sehe ich, dass du von einer Hilfsorganisation kommst. Nur hat sich bisher noch kein einziger bei uns blicken lassen. Die meisten bleiben lieber hinter ihren sicheren Wänden.“

Ich erkläre, dass ich von den SOS-Kinderdörfern komme und wir helfen möchten. Nachdem wir eine Weile gesprochen haben, beginnt Bashir Bakro, Lamis Vater, gemeinsam mit seiner Tochter zu erzählen: Wie Lamis mit ihrem jüngeren Bruder draußen gespielt hat, als auf dem Nachbargrundstück eine Bombe explodierte. Alle Familienmitglieder flüchteten ins Haus unter die Betten, nur Lamis Bruder war noch draußen. Bashir Bakro machte sich auf die Suche. Lamis erinnert sich: „Durchs Fenster sah ich den schwarzen Rauch und überall tote Menschen. Soldaten kamen; sie legten einen Mann in Ketten, Minuten später nahm einer der Soldaten ein großes Messer und schlachtete ihn ab. Meine Brüder und Schwestern begannen zu weinen. Ich sagte zu ihnen, dass sie die Hand vor den Mund halten und ihre Tränen schlucken sollten, so, wie ich meine Tränen schluckte.“

Lamis  Vater erzählt weiter: „Am schlimmsten war es für meinen jüngsten Sohn, der sich draußen hinter einer Wand versteckt und alles aus nächster Nähe mit angesehen hat. Sein kleiner Körper zitterte, er konnte mich nicht ansehen, weil er so geschockt war von dem, was er gesehen hatte.“ Damals entschied sich Bashir Bakro, sein Haus zu verlassen.

Die SOS-Kinderdörfer haben die Familie in ihr Hilfsprogramm aufgenommen. Zurück in Damaskus denke ich oft an Lamis und ihre Geschwister. Und hoffe, dass ihnen nichts passiert auf ihren gefährlichen Wegen, Tag für Tag.

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