Kein Soldat mehr, endlich wieder Kind

Mouhammad war 12 Jahre alt, als der Krieg begann.

Mouhammad

Mouhammad galt immer schon als besonders feinfühlig. Trotzdem jubelte seine Familie, als er Soldat werden wollte.

Er war der feinfühligste unter den fünf Geschwistern, eng verbunden mit seiner Mutter. Als sie sich einmal beim Geschirrspülen an einem zerbrochenen Glas schnitt, weinte er, konnte das Blut nicht sehen. So war Mouhammad.

Als er 15 wurde, entschloss er sich, Soldat zu werden. Seine drei ältesten Brüder waren bereits in der Armee, kämpften gegen das Unrecht, würden den Frieden bringen, so Mouhammads Gedanke. Und schließlich durften sie als Soldaten all die Straßen und Plätze Aleppos betreten, die gewöhnlichen Menschen verwehrt blieben, sie durften all die schönen Orte sehen, die er nicht besuchen konnte, da sie jetzt Kriegsgebiet waren. Mouhammad erinnert sich: „Ich stellte  mir vor, das Syrien von früher zurückzubekommen. Meine Familie war begeistert von meinem Entschluss!“

Zu weinen wäre eine Schande gewesen

Immerhin bat der Junge darum, in der Nähe seines Elternhauses stationiert zu werden.  Mouhammad: „Irgendetwas in mir sagte mir, dass ich immer noch ein Kind war.“

Aber als Soldat konnte er es sich das nicht länger leisten. „Bald wurde es für mich etwas ganz Normales, Blut zu sehen. Ich musste stark sein und genauso mutig wie meine Kameraden. Zu weinen wäre eine Schande gewesen. Eine Zeit lang versuchte ich, meine Eltern und meine kleine Schwester nicht zu besuchen. Viele der anderen Soldaten hatten ihre Familien über Jahre nicht mehr gesehen, ich wollte ihnen gleich sein. Aber ich hielt das nicht durch.“

Dann wurde einer von Mouhammads Kameraden schwer verletzt. Der junge Mann war 25 Jahre alt. Nachts weinte er, immer wieder wünschte er sich, noch einmal mit seiner Mutter zu sprechen. An einem Morgen starb er direkt neben Mouhammad.

In den zerstörten Häusern suchte Mouhammad nach Spuren der Menschen, die hier gewohnt hatten.

Zum ersten Mal kamen dem Jungen Zweifel: „Wenn jemand mit 25 Jahren so weinte, wie könnte ich es mir dann verbieten?  Schließlich war ich zehn Jahre jünger. Ich fragte mich, was ich hier eigentlich tat.“

Der Zweifel ließ ihn jetzt nicht mehr los. Wenn er durch zerstörte Häuser ging, suchte er nach dem Spuren der Menschen, die hier gewohnt hatten. Hatte Mouhammad das wahre Leben bislang  in seinem Einsatz als Soldat gesucht, so entdeckte er es nun in den zurückgelassenen Dingen der geflohenen Familien.

Er fand Fotos, einmal auch ein Hochzeitsalbum. Besonders berührte ihn das Bild eines lachenden Paares mit einem Baby im Arm. Anhand des Datums rechnete Mouhammad aus, dass das kleine Mädchen heute so alt sein müsste wie seine Schwester – falls es noch lebte.

Mädchen

Im SOS-Kinderzentrum in Aleppo bekommen die Kinder die Möglichkeit, sich mit ganz normalen Dingen zu beschäftigen: Schreiben,..

„Ich fragte mich, wer mir das Recht gab, einfach durch ihr Haus zu laufen. War es nicht Aufgabe der Soldaten, das Leben in die Häuser zurückzubringen? Wie konnte es dann sein, dass wir genau diese Häuser zerstörten?“

In einem anderen Haus sah Mouhammad das Foto eines Großvaters mit seinem Enkel, dessen Rahmen von einer Kugel gestreift worden war. Das Glas war zersplittert. „Ich nahm das Foto vorsichtig heraus und versteckte es hinter den Trümmern, in der Hoffnung, dass die Besitzer es, wenn sie irgendwann zurückkommen würden, finden würden. Ich dachte an all die Kugeln, die ich geschossen hatte in dem Glauben, Gutes zu tun – und wieviel Unheil ich damit angerichtet hatte. Oft stellte ich mir vor, in einem der Häuser plötzlich auf einen Soldaten der anderen Seite zu stoßen, genauso alt wie ich und so wie ich überzeugt davon, das Richtige zu tun, weil auch ihm gesagt wurde, dass dies das wahre Leben sei.“

Immer verschwommener wurde der Unterschied zwischen Freund und Feind.

Immer verschwommener wurde der Unterschied zwischen Freund und Feind. „Jedes einzelne Haus, das ich betrat, jede Familie, die hier gewohnt hatte, repräsentierte Syrien.“ Nach eineinhalb Jahren als Soldat wünschte sich Mouhammad nichts mehr, als dass jemand energisch „Stop!“ sagen würde. „Hör auf! Du bist noch ein Kind!“

Spielen

… Spielen,Spaß haben oder Musik hören.

In dieser Situation kam Mouhammad zu uns.  Im SOS-Kinderzentrum in Aleppo bekam er psychologische Betreuung und nach einigen Wochen entschied er sich, aus der Armee auszutreten. Mouhammad sagt: „Endlich wurde mein Gefühl bestätigt und es wurde mir wieder gestattet, mich als Kind zu fühlen, nicht als Soldat. Ich durfte mich wieder mit ganz normalen Dingen beschäftigen: Lesen, Schreiben, Spielen, Malen, Musik hören.“

Seit das SOS-Kinderzentrum in Aleppo  im Mai 2015 eröffnete, haben wir Tausende von Kindern und Jugendlichen unterstützt. Bei achtzig Prozent derjenigen, die regelmäßig kommen, hat sich der Gesamtzustand deutlich verbessert, auch bei Mouhammad.

Zaghaft hat der Junge damit begonnen, sich wieder ein Leben auszumalen. Sein Traum: Architektur zu studieren. Es wäre sein Weg, wieder aufzubauen, was über so viele Jahre zerstört wurde.

 

 

Eine Antwort auf Kein Soldat mehr, endlich wieder Kind

  1. Aletta Feldberg sagt:

    Mouhammad hat über einen sehr steinigen Weg eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse seines Lebens gewonnen: Es gibt keine Feinde, wenn wir sie nicht dazu erklären. Wir alle sind Menschen und sehnen uns tief in unseren Herzen nach Frieden und Liebe. Wie gut, dass Mouhammad mit Hilfe der SOS-Mitarbeiter zu seinem Lebensweg ohne Waffe zurückgefunden hat. Ich hoffe, dass er diesen schrecklichen Krieg überlebt und später als Architekt daran mitwirken kann, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen.

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