Darum sind wir geflohen…

Wie kommt jemand auf die Idee, mitsamt seiner Familie in einem überfüllten Boot unter denkbar schlechten Bedingungen die Fahrt über das Meer anzutreten? Oder einen riskanten und kräftezehrenden Fußmarsch auf sich zu nehmen, um sein Land zu verlassen?

Familie

Mouhammad, Ahlam und ihre Kinder leben unter ärmlichen Bedingungen im Libanon, aber immerhin sind sie sicher.

Stellst du den Menschen in Syrien diese Frage, variieren die Antworten zwischen Angst zu sterben, Angst, die Familie oder Freunde zu verlieren, Angst, verletzt, gefoltert oder verstümmelt zu werden. In einem Land, das als das gefährlichste der Welt gilt und in dem jeder ganz normale Tag hohe Risiken birgt, ist eine lebensgefährliche Flucht nur eine weitere Situation, die den Tod bringen kann. Aber vielleicht auch das Leben.

Bei meinem letzten Besuch im Libanon traf ich die 9-jährige Khulud, ihre Eltern und ihre sieben Geschwister. Die Familie lebte ursprünglich in Weiterlesen

Verloren und gefunden

sos-familie

Mustafa und seine SOS-Geschwister. Weil seine Eltern nicht auffindbar waren, kam er ins SOS-Übergangsheim.

Die Geschichte des 12-jährigen Mustafa beginnt in A-Wadi, einen Vorort von Damaskus City. Hier ist er mit seinen vier Geschwistern aufgewachsen.

Mustafa kam mit einer geistigen Behinderung zur Welt. So hat er mit seinen zwölf Jahren kein Gefühl für Gefahr. Oft schon lief er durch die Straßen, während seine Eltern arbeiten waren, und fand den Weg nach Hause nicht mehr. Früher, vor dem Krieg, war es in der Regel ein Nachbar oder ein Polizist, der sich um Mustafa kümmerte. Der Junge war bekannt im Viertel.

Der Krieg hat alles verändert. Bestehende Nachbarschaften sind aufgelöst, viele Menschen sind weggezogen. Es kam der Tag, an dem Mustafa sich wieder auf den Weg machte. Seine Mutter war gerade dabei zu kochen, als er immer weiter lief – und diesmal von niemandem aufgehalten wurde. Weiterlesen

Der Duft von Gewürzen und frischem Brot

Waleed und Ahmad

Für Waleed Al-Rawas und Ahmad war der Gewürzladen in Aleppos Altstadt mehr als ein Geschäft, es war ihr Zuhause.

Bei meinem letzten Besuch in Aleppo habe ich Waleed Al-Rawas, den Gewürzhändler, und Ahmad, seinen Mitarbeiter, wiedergetroffen. Bald waren wir in unseren Erinnerungen in der Zeit von vor dem Krieg gelandet und keiner von uns konnte aufhören, davon zu sprechen: von dem Getümmel in der Altstadt, den Gerüchen nach gutem Brot oder von Abou Al-Ward, dem Lakritzverkäufer, den wirklich jeder fotografierte.

Waleed, 72, ist in der Altstadt von Aleppo geboren, er ist hier aufgewachsen. Mit 15 Jahren hatte er angefangen, seinem Vater in dessen Gewürzgeschäft zu helfen. Weiterlesen

„Ich gehe nicht, ich renne nicht, ich versuche zu fliegen!“

Kinder

Die Kinder, die an der Grenzlinie leben, sind Experten im Ausweichen vor Scharfschützen geworden.

Vor ein paar Tagen bin ich aus Aleppo wiedergekommen – der einst so wunderschönen Stadt. Jetzt ist sie zerstört, geteilt und wird von verschiedenen Gruppierungen kontrolliert. Bei meinem Besuch war der Übergangspunkt „Bustan Al-Qasr“ geschlossen. Das bedeutete, dass, wer von dem einen Teil der Stadt in den anderen gelangen wollte, einen achtstündigen Weg auf sich nehmen musste, entweder durch ISIS-kontrolliertes Gebiet oder vorbei an den Posten der “Freien Syrischen Armee“. Es gibt eine dritte Variante, die nur 5 Minuten dauert, allerdings ist sie gesundheitlich eingeschränkten Menschen vorbehalten, meist alten Menschen oder Kindern, und die Auflagen sind streng. Der Übergang findet nach offizieller Vereinbarung aller Parteien ausschließlich in Begleitung von Rotkreuz-Mitarbeitern statt, die eine weiße Fahne hoch halten, Zivilisten müssen spezielle Westen mit dem Logo des Roten Kreuzes tragen. Jeder Übergang muss auf beiden Seiten gemeldet werden. Weiterlesen

Warum ich bleibe

Nach vier Jahren Krieg pumpt mein Herz beständig Adrenalin durch meinen Körper. Es erinnert mich an einen Freund, ein Familienmitglied oder jemand anderen, den ich einmal gekannt habe – und der heute nicht mehr lebt.

Bäume pflanzen

Wer Bäume pflanzt, glaubt an eine Zukunft. Die Kinder in ihrer Hoffnung zu unterstützen, ist meine Aufgabe.

Andere Freunde, Nachbarn oder Verwandte haben Syrien den Rücken gekehrt und versuchen, in einem neuen Land eine Existenz aufzubauen – ich habe vor kurzem in diesem blog darüber berichtet.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht fliehe, was mich hält…

Nun, wir Jungen haben die Chance, mit all unserer Kraft jenes Land lebendig zu halten, das Syrien vor dem Krieg einmal war. Es ist an uns, an die Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft zu erinnern und an unser früheres Selbst. Weiterlesen

Die Menschen sollen mich lieben, nicht auslachen

Maleks T-Shirt war zerrissen, seine Hände dreckig und zerkratzt, der Kopf gebeugt.  Er sah ängstlich und verunsichert aus, wie er da stand im Büro der SOS-Kinderdörfer und darum bat, bei uns bleiben zu dürfen. Mit seinen neun Jahren hatte er niemanden mehr. Wo seine Eltern waren, wusste er nicht, er hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt noch lebten.

Malek* war in Jarmuk aufgewachsen, einem Stadtteil von Damaskus, der aus einem palästinensischen Flüchtlingslager hervorgegangen war. Auch Malek und seine Eltern waren Palästinenser.  An den letzten Tag in seinem Zuhause erinnert sich der Junge noch genau: „Ich war damals fünf Jahre alt. Meine Mutter sagte, dass ich rechtzeitig zum Essen kommen solle. Es sollte ein spezielles Nudelgericht mit Käse geben, mein Lieblingsgericht. Zusammen mit meinem kleinen Bruder ging ich zum Spielplatz, als plötzlich eine Granate in unserer Mitte explodierte. Weiterlesen

Ein halbes Glas Wasser

Keine Frage, ich gehöre zu den Glücklichen: Nach fünf Jahren Krieg lebe ich noch. Ich bin unverletzt. Ich genieße das Privileg, arbeiten zu dürfen und ich habe sogar die Möglichkeit, Woche für Woche all die kleinen Details des Krieges aufzuschreiben und der Welt von diesem Wahnsinn zu berichten.

Es geht mir also gut. Äußerlich. Wie sehr mich der Krieg dennoch im Griff hat und mein ganzes Leben beeinflusst, war mir lange Zeit selbst nicht klar. Dann zog ich von Aleppo nach Damaskus. Zwei Jahre lang hatte ich in einer der meistumkämpften Städte Syriens gelebt. Der Krieg war allgegenwärtig und seine Begleiterscheinungen auch: Wasserknappheit, kein Strom, kein Internet, manchmal funktionierte nicht einmal das Radio. Weiterlesen

Flucht aus der Heimat

Wer bei google das Wort „Syrien“ eingibt, bekommt Ergebnisse, in denen folgenden Wörter auftauchen: Krieg, Zerstörung, ISIS, Terroristen, Angriff, Massaker, Tod, Krise, Mangel, Belagerung, Flüchtlinge…

zerstörung

Krieg und Zerstörung vernichten die Lebensgrundlage vieler Menschen in Syrien.

Das Syrien, das für Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft steht, scheint nicht mehr zu existieren. Auch nicht das Land, das bis vor wenigen Jahren noch Zufluchtsort für Flüchtlinge aus den Nachbarländern war: Noch 2012 lebten alleine 1,8 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak in Syrien. Auch Palästinenser (540.000) und Armenier ( 130.000) haben bei uns Zuflucht gefunden.

Das ist nun alles Vergangenheit. Inzwischen stürzen die Bevölkerungszahlen in den Keller. Die aktuelle Einwohnerzahl liegt bei 22 Millionen. Laut Bericht der Vereinten Nationen fliehen jeden Tag 5000 Syrer aus dem Land, 28 Prozent aller Syrer sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Insgesamt haben schon zwei Millionen Syrer das Land verlassen und 4,25 Millionen sind auf der Flucht im eigenen Land. Weiterlesen

Ein Apfel und ein Luftkuss

Für einige Zeit war ich wieder in meiner Heimatstadt Aleppo. Wie einige hundert andere junge Menschen wollte ich meine Zwischenprüfung an der Uni ablegen.

Wie soll man beschreiben, wie sich ein Tag dort anfühlt? in einer Stadt, in der der Krieg wütet?

Du wachst auf unter einer Sonne, die alles tut, was sie kann, um die Dunkelheit zu vertreiben, die Angst, die Tränen der Kinder, die vielen Toten. Es gelingt ihr kaum. Dann beginnst du deinen Tag in der Hoffnung, dass die eine Stunde, in der Aleppo täglich Strom hat, so fällt, dass du sie nutzen kannst, um wenigstens einen Teil deiner Arbeit erledigen zu können. Wenn du mit dem Bus fährst, bekommst du eher einen Platz als früher, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind lange nicht mehr so voll; nahezu bei jeder Fahrt ist jemand dabei, der verletzt ist. Wenn die Route am „University Hospital“ vorbei geht, fragte immer jemand, ob der Fahrer dort halten kann. Weiterlesen

Bilder in Schwarz, Weiß und Rot

Über die Talente eines Kindes zu sprechen und sie zu fördern, ist ein Luxus friedlicher Zeiten. Im fünften Jahr des Kriegs in Syrien sind die Talente und Begabungen vieler Kinder verschüttet, manchmal werden sie sogar zum Fluch: Wenn ein Kind eine gute Beobachtungsgabe hat und jedes schreckliche Detail der brutalen Auseinandersetzungen speichert.

Der 16jährige Alaa galt in seinem Umfeld als hochtalentierter Zeichner. Er malte seine Freunde und Verwandten, in bunten Farben malte er sein Zuhause oder die berühmten Plätze von Damaskus. Seine Lehrer waren begeistert und glaubten daran, dass Alaa später einmal ein Künstler werden würde.

Als Alaa elf Jahre alt war, wurde Jobar, das Viertel von Damaskus, in dem der Junge mit seiner Familie lebte, zum Zentrum brutaler Auseinandersetzungen.

Alaa

Es schien, als habe Alaa sein Talent für immer verloren.  Im Übergangsheim der SOS-Kinderdörfer hat er wieder zu zeichnen begonnen.

Alaa musste die Schule verlassen, da seine Familie immer wieder gezwungen war, den Wohnort zu wechseln. Zeitweilig lebte sie bei Alaas Onkel. Der Junge erinnert sich: „Wir waren mindestens zwanzig Kinder in dem Haus, als wir belagert wurden. Wir durften nicht einmal weinen, denn wenn wir geweint hätten, hätten die Angreifer uns sofort entdeckt und abgeschlachtet wie unsere Nachbarn. Als wir das Haus endlich verlassen konnten, stiegen wir über Leichen und menschliche Überreste. Ich hielt die Hand meines Vaters fest umklammert. Als wir weitergingen, hörten wir die Stimme eines Mädchens, das unter einem zusammengestürzten Haus lag. Ich half meinem Vater, sie zu befreien. As wir sie hochhoben, blieben ihre Hände am Boden liegen. Sie waren beide abgehakt worden. Dieses Moment werde ich nie vergessen.“ Weiterlesen