In der Dunkelheit wachsen keine Blumen

In den dunklen Räumen einer  Baustelle in Lattakia City lebt Nour mit ihrer Familie, ihr Herz ist schwer. Der Name „Nour“ ist Arabisch und bedeutet „Licht“. Das Mädchen findet ihn schon lange nicht mehr passend. All ihre Träume und ihre Hoffnungen hat sie an dem gefährlichsten Ort der Welt verloren: in Aleppo.

Nour

Vor der Baustelle, in der Nour jetzt lebt, erzählt sie mir ihre Geschichte.

Bis vor zwei Jahren war das Leben für Nour so, wie es sein sollte. Jeden Morgen weckten sie die Vögel mit ihrem Gesang und malten den Himmel bunt für sie. Nour wachte in ihrem warmen Bett auf, später ging die mit ihren Freundinnen zur Schule. Sie sagt: „Ich erinnere mich ganz genau an jedes Klassenzimmer und an jede Ecke.“ In den Pausen spielten sie Fangen, wie wohl die Kinder überall auf der Welt. „Mein Traum war es, später zu studieren und Ärztin zu werden, aber jetzt muss ich ja arbeiten“, erzählt Nour weiter. Weiterlesen

Fahrradfahren gegen den Krieg

Die Dunkelheit ist ein Geist geworden, der die Herzen der Menschen in Syrien seit vier Jahren jagt. Die Menschen haben fast verlernt, in Farbe zu träumen und die schönen Dinge des Lebens wahrzunehmen.  Wenn ich in ihre Gesichter schaue, sehe ich einen Schatten um ihre Augen liegen,  sie versuchen, Angst und Horror zu unterdrücken, es gelingt ihnen nicht wirklich. Jeder hier weiß, dass der Tod in Sekunden kommen kann.

kinder

Zum Auftakt der Veranstaltung sangen Kinder und unterstützten damit die Arbeit der SOS-Kinderdörfer in Syrien

In diesen schwierigen Zeiten erschien die Idee einer lokalen Initiative in Damaskus fast irreal: Sie wollte die ganze Stadt dazu bewegen, gemeinsam Rad zu fahren. „Yalla Let’s bike“ sollte alle Menschen zu einer großen Fahrradveranstaltung zusammenbringen, egal wie alt sie waren, egal, woher sie kamen, egal, welchen Hintergrund sie hatten. Die Nachricht sprach sich schnell rum – und erreichte die Menschen mitten im Herzen, sie brachte all die Erinnerungen an ganz normale, friedliche Zeiten hoch.

Wochenlang war der Fahrradtag DAS Gesprächsthema in Damaskus – fast wie zum Trotz unterhielten sich die Menschen nun mehr über das anstehende Ereignis als über den Einschlag von Granaten, über Explosionen und Tote. Als das Ereignis näher rückte, begannen die Veranstalter, die Straßen zu schmücken, so, wie man es sonst nur von großen Festtagen kennt. Weiterlesen

Neue Bäume pflanzen, neues Lachen säen

Mouhammad Khalifa erinnert sich noch gut an diesen wunderbaren Tag im September 1996. Seit einer Woche war er nun schon täglich an der neuen Baustelle vorbeigekommen. Sie lag auf dem Weg von seiner kleinen Farm in die Stadt, wo er Gemüse und Früchte verkaufte. Die Baustelle zog ihn magisch an. „Was baut ihr?“ fragte er den Vorarbeiter, und: „Könnt ihr noch Leute gebrauchen?“ Der Vorsteher fragte zurück: „Was kannst du?“

Mouhammad hatte keinerlei Erfahrungen als Bauarbeiter, er sagte schlicht, dass er Analphabet sei. Und wusste nicht, wie ihm geschah, als er den Job dennoch bekam.

mouhammad

Sie sind eng mit dem SOS-Kinderdorf Aleppo verbunden: Mouhammad Khalifa (li.) hat das Dorf mit aufgebaut, Khaled war das erste Kind, das dort ein neues Zuhause fand.

Von diesem Tag an war Mouhammad Khalifa mit dem SOS-Kinderdorf Aleppo, das hier durch seine Hände mit entstand, verbunden. Da sein Haus zwanzig Kilometer entfernt lag, übernachtete er auf der Baustelle. Eineinhalb Jahre lang half er, die Gebäude zu bauen, Stein auf Stein, er pflanzte Mango- , Apfel-, Pfirsich-, Zitronen-, Feigen- und Olivenbäume, die später das Markenzeichen des SOS-Kinderdorfs Aleppo werden sollten. Khaled, der allererste Junge, der damals aufgenommen wurde, erinnert sich: „Jeder Besucher war von unseren Bäumen begeistert. Als Kind habe ich es geliebt, eine Frucht zu stibitzen, aber unbedingt so, dass Onkel Mouhammad mich sah: Ich wusste, dass er mir hinterherlaufen und mit mir spielen würde.“ Weiterlesen

Im Krieg scheitern die stärksten Mütter

Rares Glück: Nur wenige Kinder im Camp leben mit Mutter UND Vater zusammen.

Rares Glück: Nur wenige Kinder im Camp leben mit Mutter UND Vater zusammen.

Wie wichtig ist eine Mutter für ihr Kind? Sie steht für so vieles: Sicherheit, Stärke, Liebe und Zärtlichkeit. Eine Mutter würde alles dafür tun, um ihr Kind zu beschützen, solange, bis das Kind alt und stark genug ist, um auf sich selbst aufzupassen. Eine Mutter ist Leitfigur und prägend für die Entwicklung eines Kindes. Sie trägt dazu bei, seine Persönlichkeit zu formen, sie gibt ihm die Stabilität, um zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft heranzureifen.

Am 21.März wird in Syrien der Muttertag gefeiert – fünf Tage, nachdem sich der Krieg in unserem Land zum fünften Mal jährt. Ein Land, in dem die stärksten Mütter bei dem Versuch scheitern, ihre Familie zu beschützen, in dem die Geschenkartikel-Läden am Muttertag spezielle Geschenke bereit halten für „Märtyrer-Mütter“. Weiterlesen

Das Wort „traurig“ reicht schon lange nicht mehr

Ahmad und sein jüngerer Bruder leben heute in einer Not-Unterkunft der SOS-Kinderdörfer. Abeer erzählt im Blog seine tragische Geschichte.

Ahmad und sein jüngerer Bruder leben heute in einer Not-Unterkunft der SOS-Kinderdörfer. Abeer erzählt im Blog seine tragische Geschichte.

Wenn man als Erwachsener an seine Kindheit zurückdenkt, so ist dies für viele die Zeit, in der alles magisch und schön war. Die Möglichkeiten und Träume waren unendlich und alles erschien einfach. Die Welt bestand aus einem leckeren Essen, das nirgendwo so gut schmeckte wie zuhause, einem Spaziergang mit dem  Vater, der ohne Frage der stärkste Mann der Welt war, oder aus den täglichen Erlebnissen in der Schule. So sollte es sein. Jedes Kind hat das Recht auf eine liebevolle Familie, auf Schutz und Sicherheit und auf Erinnerungen an eine geborgene Kindheit. Aber wie soll das gehen, wenn ein Kind in einem Land aufwächst, in dem Krieg zwischen Brüdern herrscht? Was, wenn es keine Worte dafür gibt, um zu beschreiben, wie das Kind sich fühlt – wenn das Wort „traurig“ schon lange nicht mehr reicht?  Was, wenn die Augen der Kinder Schreckliches gesehen haben? Was, wenn ihre Herzen vor Angst frösteln? Was, wenn sie den Traum von unbeschwerten Kindheitserlebnissen schon aufgegeben haben?
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Freundschaft in Zeiten des Krieges

Syrien_Blog_Kindheitsfoto

Ein Foto aus glücklichen Kindheitstagen: So wie auf dem Foto links hat Bloggerin Abeer ihre Nachbarsjungen Thaer und Basel kennengelernt. Rechts sind die beiden Brüder kurz vor ihrem Tod zu sehen.

Freunde stehen in den glücklichsten sowie den traurigsten Momenten an deiner Seite, sie weinen mit dir Tränen der Freude und der Traurigkeit. Freunde sind die Menschen, die deine Erinnerungen prägen. Manchmal musst du nur ein Foto betrachten und dir fällt alles wieder ein, was du damals mit deinen Freunden erlebt hast. Es gibt Leute, die sagen, dass Kinderfreundschaften niemals zerbrechen, auch, wenn jeder einen anderen Lebensweg geht. Aber was, wenn in deinem Land der Krieg ausbricht? Was, wenn du niemals weißt, ob das Foto, das du gerade von deinen Freunden machst, vielleicht das letzte ist? Heute will ich die tragische Geschichte von Thaer und Basel erzählen. Eines Morgens weckte mich mein Bruder sehr früh. „Weißt du, wer gestorben ist? Thaer und Basel!“ – „Was? Thaer und Basel??????“ Ich wollte es nicht glauben, fragte ihn immer wieder. Thaer und Basel waren Nachbarn, waren unsere Freunde.
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Doas Hochzeit

abeer

Gastautorin aus Syrien:   Abeer Pamuk

Als Doa ins SOS-Kinderdorf Aleppo kam, war sie neun Jahre alt. Wo ihre Eltern sind und was mit ihnen passiert ist, weiß sie bis heute nicht. Ihre Schwester und sie gehörten zu den allerersten Kindern, die im Jahr 2000 in das damals neugegründete SOS-Kinderdorf einzogen. 15 Jahre später ist Doa eine fröhliche junge Frau und im Begriff zu heiraten!

Wenn ich dieser Tage durch unser SOS-Büro gehe, höre ich immer wieder, wie die Leute sich Geschichten über sie erzählen: „Unsere Doa… weißt du noch…“ Und dann hat jeder ein Ereignis beizutragen, kleine Details, wie sie nur Familienmitglieder übereinander erzählen können und die mit Doas ersten Tagen im Kinderdorf anfangen und in der Gegenwart bei einer hübschen jungen Braut enden.

Doa und ihre Schwestern

Doa mit ihren jüngeren SOS-Schwestern. Sie sind miteinander aufgewachsen. Jetzt wird Doa ihr eigenes Leben führen.

„Unsere kleine Doa…“, sagt auch „Onkel“ Khaled Safadi, der Dorfleiter des SOS-Kinderdorfs. „Ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.“ Er strahlt dabei und ist sichtlich stolz – wie ein Vater, der über die Hochzeit seiner Tochter spricht. Als Doa ihn fragte, ob er sie an ihrem Hochzeitstag in der Rolle des Vaters begleiten würde, hat er glücklich „Ja“ gesagt.  „Ich habe vier eigene Söhne“, sagt Khaled Safadi. „Doa und alle anderen SOS-Mädchen sind meine Töchter.“ Weiterlesen

Ein Funke von Weihnachten in Damaskus

abeer

Gastautorin aus Syrien: Abeer Pamuk

Wenn ich durch die Straßen meiner Stadt laufe, nach vier Jahren Krieg und Zerstörung, finde ich kaum einen Ort, an dem weihnachtliche Gefühle einen Platz hätten. Straßen, die dafür bekannt waren, besonders prachtvoll, festlich dekoriert und voll von Leuten zu sein, haben nun den Tod eines Vaters, eines Sohnes, eines Nachbarn oder eines Freundes zu beklagen.

Und doch gibt es sie, die versteckten weihnachtlichen Oasen. In der Mitte einer engen Durchgangsstraße treffe ich auf eine kleine Ansammlung von Menschen. Die Leute haben sich um eine Konditorei versammelt, sie strahlen und ihre Augen leuchten um die Wette mit dem festlich dekorierten Geschäft. So wie wir es aus unserer Erinnerung kennen, hat der Inhaber seine Schaufenster aufwändig geschmückt, und die Menschen sind wie verzaubert, sie kommen mir vor, als hätten sie für einen kurzen Moment ihren Kopf aus dem Wasser gezogen, um Luft zu holen. Jungen, Mädchen und Erwachsene fotografieren sich gegenseitig vor den weihnachtlichen Lichtern und Arm in Arm mit dem Nikolaus. Für einen Augenblick scheinen die glücklichen Erinnerungen die Herzen der Menschen zu erfüllen und sie lassen sie vergessen, dass der Krieg ihr Leben komplett verändert hat.

xmas

Ein Foto mit dem Nikolaus – Erinnerung an bessere Tage.

Am Rande des Geschehens steht Tony, der Besitzer des Shops, und freute sich über die Reaktionen der Menschen, über ihre Gesichter, sonst starr und reaktionslos unter den Narben des Krieges, die jetzt offen und weich sind. Er ruft den Menschen zu: „Macht so viele Bilder wie ihr könnt! Gebt uns das Gefühl, dass es Weihnachten auch bei uns noch gibt.“ Als ich Tony frage, wie er auf die Idee kam, sein Geschäft zu dekorieren, sagt er: “Ich war dabei, meinen Dachboden aufzuräumen, als ich die Weihnachtsdekoration entdeckte. Der Staub von drei Jahren lag auf den Kartons.“ Weiterlesen

Unsere Herzen schlagen noch!

abeer

Abeer Pamuk
Gastautorin aus Syrien

Die Stadt des Jasmins, eine der ältesten Städte der Welt – das sind die Namen, mit denen Syriens Hauptstadt Damaskus oft bezeichnet wurde. Das gilt heute nicht mehr, heute ist Damaskus die zerstörte Stadt, die Stadt im Krieg. Seit drei Jahren sind wir Einwohner nun schon den brutalen Kämpfen ausgeliefert. Umso mehr berührt es mich immer wieder zu sehen, wie die Menschen weiterleben und alles daran setzen, ihre Hoffnung zu behalten.

Ein Morgen in Damaskus: Wenn ich aufwache in dem arabischen Haus im Viertel Bab Touma in Damaskus Altstadt, in dem ich lebe, rieche ich schon das Kaffeearoma. Georgette, meine Nachbarin, ist dann schon wach und noch bevor ich sie sehe, weiß ich, dass sie in ihrem Schaukelstuhl vor dem Haus neben dem Blumenbeet sitzt, den Kaffee in der Hand, und in den Himmel schaut. Jeden Tag sitzt sie da. Georgette ist 70 Jahre alt und hat sechs Söhne. Ein Sohn nach dem anderen ist aus dem Land geflohen, ihr Mann ist schon lange gestorben. Nun lebt sie ganz alleine. Georgette sagt: „Für nichts in der Welt würde ich dieses Haus verlassen. Es ist ein Stück meines Herzens. Hier habe ich gelacht, geliebt und geweint. Hier habe ich meine Kinder großgezogen und mein Leben gelebt. Hier werde ich sterben.“ Weiterlesen

Zurück in der Schule

Wenige Minuten nachdem ich den unten stehenden Text geschrieben hatte, kam folgende Nachricht: In der Stadt Homs sind zwei Autobomben explodiert – 45 Kinder wurden getötet! Ihr Recht auf Schule? Ihr Recht auf Leben? Weggebombt! Manchmal frage ich mich, was wir SOS-Mitarbeiter denn überhaupt bewirken können angesichts des Wahnsinns. Und doch machen wir weiter! Weil wir dem Terror nicht das Feld überlassen dürfen! Weil jedes einzelne Kind zählt!

Rasha_MiniPic_In Syrien beginnt die Schule wieder. Normalerweise würden sich die Kinder freuen, ihre Klassenkameraden und Lehrer wiederzusehen und sobald sie an ihren Holzpulten säßen, würden sie schauen, ob ihre eingeritzten Liebesbotschaften noch da sind.

Aber was ist schon normal in Syrien? Wie schon in den letzten beiden Jahren, werden auch in diesem Jahr zahlreiche syrische Kinder nicht an ihre alten Pulte zurückkehren können. Von den 4,8 Millionen Syrischen Schulkindern gehen über 3 Millionen gar nicht mehr zur Schule. Ein Teil von ihnen lebt im Ausland, ein anderer Teil ist innerhalb Syriens an einen anderen Ort geflohen. Zwar ist Bildung bei uns frei zugänglich und kostenlos vom ersten Schultag bis zum Hochschulabschluss, aber viele Eltern sind derzeit vor allem damit beschäftigt, ihre Familien zu ernähren und haben nicht die Kraft, sich auch noch um eine neue Schule für ihre Kinder zu kümmern. Wenn es darum geht zu überleben, spielt die Schule nur noch eine untergeordnete Rolle. Weiterlesen