Vier Tage lang feiern gegen den Krieg

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Vor allem die Kinder lieben das islamische Opferfest Eid al-Adha. Vier Tage lang wird gefeiert.

Am Rand einer Straße in Aleppo sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, sie hält ein Baby im Arm. Mutter und Kind sind ärmlich gekleidet und beide völlig aufgelöst. Sie weinen.

Ich frage die junge Frau, ob ich mich zu ihr setzen darf. Verwundert blickt sie auf, dann nickt sie. Da unten auf der Straße sitzend, versuche ich zu fühlen wie sie fühlt. Die Welt mit ihren Augen zu sehen. Wahrzunehmen, wie das ist, wenn die Menschen auf dich herunterschauen.

Es ist die Nacht vor Eid al-Adha. Das islamische Opferfest ist eines unserer wichtigsten Feste. Traditionell wird zu diesem Anlass ein Opfertier geschlachtet und mit den Armen und Bedürftigen geteilt.

Syrien war immer dafür bekannt, dass die Feiern besonders spektakulär ausfielen, mit den erlesensten Speisen, überfüllten Geschäften und ausgelassen feiernden Menschen.

Die Tage und Nächte vor Eid al-Adha galten der aufwendigen Vorbereitung. Die Menschen übertrafen sich darin, sich gut zu kleiden, ihr Haus zu dekorieren und besondere Köstlichkeiten auf den Tisch zu bringen. Oft waren sie beschäftigt, bis die Sonne wieder aufging.

junge frau

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen junge Frauen wie Soad, die im Krieg alles verloren haben. Dass auch ihre Kinder mitfeiern dürfen, bedeutet Soad viel.

Die Läden der Stadt waren an diesen Tagen regelmäßig überfüllt, vor allem die Kindergeschäfte. Viele Kinder wurden neu eingekleidet und zum Friseur geschickt, passend zu einem „Eid“-Lied, in dem es heißt: „Nimm ein langes Bad und rieche wunderbar, wenn sie zu dir kommen und ihre sanften Wangen an deine legen, um dich zu küssen!“

Wenn das Fest endlich begann, rannten die Kinder aufgeregt herum, voller Erwartung auf die Geschenke, die sie an diesem Tag bekommen würden. Eid al-Adha war auch die Gelegenheit, endlich mal wieder mit Verwandten und Freunden zusammen zu kommen, die man lange nicht gesehen hatte.

Heute, im fünften Jahr des Krieges, sind uns unsere Feste und besonders Eid al-Adha wichtiger denn je. Sie lenken uns für kurze Zeit ab und erinnern uns an die Menschen, die wir einmal waren.

zuckerwatte

Eine kurze Pause, eine kleine Ablenkung vom Krieg…

Umso schlimmer, wenn man alles verloren und keine Chance hat mitzufeiern – so, wie die junge Frau am Straßenrand. Sie erzählt mir, dass sie Soad heißt, 17 Jahre alt ist und aus einer streng gläubigen Familie stammt. Sie war zwölf, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Noch im selben Jahr wurde sie gezwungen zu heiraten. Bald bekam sie ihr erstes, dann ihr zweites Kind. Im letzten Jahr wurde ihr Mann in Aleppo verschleppt und ihr Haus wurde zerstört, da war ihre Tochter 3 Jahre und ihr Sohn acht Monate alt. Soad, die nie die Gelegenheit hatte, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, landete als Bettlerin auf der Straße.

Kurz bevor ich sie traf, hatte sie in einem Café nach Geld gefragt und wurde brutal rausgeschmissen. Soad sagt: „Als Bettlerin bin ich für die Leute das Letzte. Ich wünschte mir, sie würden sehen, wer ich wirklich bin.“

nachts

Auch heute noch sind die Straßen an den Tagen vor Eid al-Adha voll. Für die Menschen ist es wichtiger denn je, an ihren Traditionen festzuhalten.

Ihre Tränen laufen und laufen, besonders, wenn sie von ihren Kinder spricht. „Ich selbst habe einen Großteil meiner Kindheit versäumt, weil ich so früh heiraten musste. Und nun ist für meine Kinder alles noch schlimmer. Morgen beginnt Eid al-Adha und sie müssen zusehen, wie alle anderen feiern.“

Soad ist fassungslos, als ich sie einlade, an der Feier teilzunehmen, die wir im Rahmen des Familienstärkungsprogramms der SOS-Kinderdörfer organisiert haben. In diesem Moment ist diese kleine Geste wirklich alles, was sie braucht, um glücklich zu sein.

In den kommenden Wochen werden wir Souad in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufnehmen. Wir werden sie dabei unterstützen, Handarbeiten herzustellen und so ihre kleine Familie zu ernähren. Wir werden ihr zur Seite sein.

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