Ein fast fröhlicher Abschied

Liebe Leser,
mit diesem Text möchte ich mich von euch verabschieden, denn es ist nach einem Jahr das vorerst letzte Mal, dass ich aus Mombasa berichte.

In Kürze wird mein Kollege Nikos Kaitsas aus Athen an dieser Stelle schreiben und von den SOS-Kinderdörfern in Griechenland berichten – wo SOS zur Zeit auch jede Menge Herausforderungen zu bewältigen hat!

Zurückschauend muss  ich sagen, dass sich unglaublich viel getan hat und ich sehr, sehr froh bin, wenn ich sehe, wo wir heute stehen! Die Idee der SOS-Familienhilfe ist es ja, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und wir sind mittlerweile tatsächlich an einem Punkt, wo wir immer mehr Verantwortung an die Menschen aus den Slums abgeben und darüber nachdenken, uns ganz langsam zurückzuziehen, um in drei, vier Jahren anderen Menschen helfen zu können.  Herzstück unserer Arbeit sind und waren ja die Selbsthilfe-Gruppen, in denen die Mitglieder gemeinsam Geld sparen, nach Lösungen suchen, um unabhängig leben zu können, Kleinbetriebe zu eröffnen  oder andere Einnahmequellen zu kreieren.

Was soll ich sagen: Es funktioniert! Vor allem die Gruppe in Mnasi Moja entwickelt sich unglaublich gut, die Mitglieder haben mittlerweile 50.000 Kenianische Schilling in der Gemeinschaftskasse, also etwa  450 €. Das ist für die Menschen hier  so viel Geld, dass sie tatsächlich von den Ersparnissen  profitieren können! Bisher haben die Mitglieder, wenn sie Geld brauchten, dieses immer von der Bank geliehen, verbunden mit Zinsen, die zurückzuzahlen waren. Meist geht es ja nur um kleine Beträge, und nun ist die Idee, dass sich die Mitglieder bei Bedarf selbst  ein günstigeres Darlehen aus dem Gemeinschaftstopf auszahlen.

Letzte Woche hatten wir einen Businesstrainer zu Besuch, um dies zu besprechen, und lustigerweise hatte er die gleiche Idee. Konkret soll folgendes passieren: Die Slumbewohner werden ihre eigene Dachorganisation gründen, die sie unabhängig von der Bank macht und zudem ein Teil der Aufgaben übernimmt, die zur Zeit von der SOS-Familienhilfe geleistet werden.

Die SOS-Familienhilfe wird die Menschen weiterhin unterstützen, Workshops mit den Kindern veranstalten, über Ernährung, Hygiene oder Kinderrechte  aufklären und, wo nötig und für uns möglich, mit Geld und Materialien helfen –  aber die Menschen selbst übernehmen mehr und mehr Verantwortung! Ich kann mir auch vorstellen, dass sie ein Büro im Slum eröffnen, das als Anlaufstelle dient. Aktuell überlegen sie bereits, wie sie an einen Computer kommen könnten, um ihr Buchhaltung elektronisch abzuwickeln. Es leben ja auch einige ausgebildete Menschen in den Slums, die keine Arbeit haben, aber in der Lage wären, so etwas zu übernehmen.

Während ich dies schreibe, merke ich, wie froh es mich macht: Als wir vor vier Jahren anfingen, war noch nicht abzusehen, was wir mit unserer Arbeit überhaupt erreichen würden. Alles, was wir seitdem getan haben, war, unsere Träume mit den Menschen zu teilen, ihnen Wege aufzuzeigen, Hoffnung und Mut zu geben. Alles andere hat sich aus der Initiative der Menschen selbst geformt.
Sicher gibt es noch Themen: Manche Gruppen werden von den Vorsitzenden geleitet, als gehörten sie ihnen – also werden wir demnächst ein Seminar zur Führung veranstalten. Und immer gibt es Leute, die es nicht schaffen, selbst etwas zu bewegen und lieber weiterhin von Almosen leben. Aber sehr, sehr viele der Menschen, die wir unterstützen, haben sich in diesen Jahren unglaublich gewandelt – und damit hat sich ihr ganzes Leben verändert und das ihrer Kinder.

Meinen großen Traum von der Bibliothek im Slum habe ich indes noch nicht verwirklicht! Es sollte ein Ort sein, an dem die Menschen Bücher und Computer finden, ein Ort, an dem sich arbeitslose Jugendliche aufhalten können, wo sie Zeitungen lesen können, sich austauschen, miteinander Ideen entwickeln. Es würde auch ein Spielzimmer für Kinder geben, ich sehe den Ort genau vor mir! Dies ist meine Vision, die ich unbedingt verwirklichen möchte.

Es hat mir viel Spaß gemacht und gut getan, dieses blog zu schreiben und meine Gedanken und Erlebnisse mit euch, liebe Leser, zu teilen. Und ich danke allen ganz herzlich, die Fragen gestellt haben, mehr wissen wollten, die mich und meine Kollegen ermutigt und uns geholfen haben!

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