Und dann kam der Wolf…

Kinderzeichnung aus Mombasa

Kinderzeichnung aus Mombasa

Afrika ist ein Land voller Geschichten! Ich weiß noch, wie aufregend, spannend, herrlich es war, wenn unser Großvater zu erzählen begann.
Jede Geschichte hatte eine Botschaft, manche nahmen ungeheure Wendungen, viele waren schlau und weise und immer hatten sie mit unserem Leben zu tun.

Unsere Geschichten sind ein großer Schatz, der es wert ist, gehütet und weitergegeben zu werden,  aber natürlich: Wenn man im Slum lebt, wenn man sich um sein tägliches Überleben kümmern muss, wenn die Sorgen überhand nehmen, kann es passieren, dass man seine Geschichten vergisst! Nehmen wir zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern, von denen wir mehrere  unterstützen: Vielleicht arbeitet die Frau in einem Haushalt, um die Familie zu ernähren oder sie verkauft Erdnüsse. Wenn sie am Abend nach Hause kommt, muss sie kochen, dann schaut sie vielleicht, ob die Kinder ihre Schulaufgaben gemacht haben. Der Tag war lang, sie ist müde und froh, wenn die Kinder schlafen und sie selbst endlich zu Bett gehen kann. Gut möglich, dass ihre Woche sieben solcher Tage hat. Wann wäre da Zeit zum Erzählen?

Dorfleben im SOS-Kinderdorf

Dorfleben im SOS-Kinderdorf

Und natürlich gibt es Fernseher. Irgendwo in der Nachbarschaft kann sich vielleicht jemand so ein Gerät leisten, und dann sitzt ganz sicher nicht nur er davor, sondern es sitzen dort so viele Menschen, wie in den Raum passen. Nicht einfach, damit zu konkurrieren.
„Welche Geschichte habt ihr euren Kindern zuletzt erzählt?“, habe ich also letzte Woche gefragt und viele schüttelten den Kopf.  Aber immerhin nicht alle! Manche waren auch sofort mittendrin, bei Jägern, gefährlichen Tieren, unlösbaren Rätseln. Ich war sehr erleichtert! Spontan kam mir die Idee, bald einmal  einen richtig guten Erzähler einzuladen, der uns alle wieder mitnimmt in diese wunderbare Welt…
Und dann hatte ich noch eine Idee: Wie wäre es, wenn wir – Sie und ich – unsere Geschichten austauschen? Mein Vorschlag an alle Leser: Ich erzähle eine kleine Geschichte aus Kenia und Sie erzählen mir eine Geschichte aus Ihrem Land! Würden Sie das tun? Ich fände das wunderbar!

Meine Geschichte heißt:
 

Umgebung eines Dorfes
Umgebung eines Dorfes

Der Ziegenhirte

Ein Junge sollte die Ziegen seiner Familie hüten. Also zog er los und suchte einen Platz, an dem die Tiere Futter fanden.  Aber bald wurde ihm langweilig und überhaupt wollte er mal schauen, ob denn auf die Gemeinschaft seines Dorfes Verlass wäre. Also schrie er so laut er konnte: „Der Wolf ist da, der Wolf ist da!“ Aufgeregt liefen die Leute zusammen, bereit, den Wolf in die Flucht zu schlagen. Aber da war kein Wolf und die Ziegen grasten friedlich vor sich hin. Ein paar Tage später rief der Junge wieder: „Hilfe, der Wolf ist da, Hilfe, der Wolf ist da!“ Wieder kamen die Menschen herbei, wieder vergebens: Da waren nur der Jungen und die Ziegen, kein Angreifer weit und breit.
Ein paar Tage vergingen – und dann kam der Wolf! Der Junge schrie aus Leibeskräften, als der Wolf die erste Ziege packte, er schrie weiter, als die Bestie die zweite Ziege fraß, aber niemand kam. Zwar hörten die Leute seine Rufe, aber sie hoben nicht einmal den Kopf.  So konnte der Wolf eine Ziege nach der anderen fressen. Als der Junge nach Hause kam, hatte er kein einziges Tier mehr bei sich.

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