Wer schaut hin, wenn wir wegschauen?

Ganz ehrlich: Ich kenne ihn auch, den Impuls, wegschauen zu wollen!

Die Augen zu verschließen vor den dramatischen Bilder aus dem Norden meines eigenen Landes und aus dem angrenzenden Somalia: vor ausgehungerten Kindern, erschöpften Müttern, überfüllten Flüchtlingslagern. Ich kenne den Impuls, weil es kaum auszuhalten ist; weil ich am liebsten jedes einzelne dieser Kinder, Mütter, Flüchtlinge retten möchte. Und es doch nicht kann.

Aber, wenn wir wegschauen, wer schaut dann noch hin? Dann sind die Menschen dort wirklich verloren. So einfach und brutal!

Was also können wir tun?

Viele Menschen spenden Geld, in Afrika selbst und vor allem in der westlichen Welt, in Ländern wie Deutschland mit seiner so großen Spendenbereitschaft. Sie retten damit Leben! In der jetzigen Situation müssen die erschöpften Flüchtlinge so schnell wie möglich mit dem Wesentlichen versorgt werden, mit Nahrung, Wasser, Medikamenten. Im Schulterschluss mit anderen Hilfsorganisationen und der finanziellen Unterstützung der vielen Spender leisten meine Kollegen von den SOS-Kinderdörfern deshalb jetzt vor allem Nothilfe. Auf unserer deutschen homepage www.sos-kinderdoerfer.de berichten wir laufend darüber.

Aber das ist nur eine Seite unserer Hilfe! Um die Situation in den betroffenen Regionen dauerhaft zu verbessern, braucht es langfristige Lösungen. Als ich vor einigen Wochen in Marsabit im Norden Kenias war, wo wir gerade dabei sind, einen weiteren Standort zur Stärkung von Familien aufzubauen, wurde ich von den Verantwortlichen dort gebeten, es bitte nicht so zu machen wie die anderen: Wir sollen den Menschen um Gottes Willen nicht die Fische geben, sondern ihnen zeigen, wie man angelt!

Ganz klar: Aktuell in den Katastrophengebieten müssen wir die Fische ausgeben! Ganz schnell und ohne Diskussion! Aber langfristig geht es darum, die Menschen zu befähigen, ihr eigenes Leben zu meistern.   
Ich weiß, dass das geht! Ein Land wie Israel zum Beispiel, das auch mit Trockenheit zu kämpfen hat, hat durch den Einsatz moderner Technologien und Bewässerungsanlagen unglaubliche Fortschritte gemacht. In vielen afrikanischen Ländern wäre das auch denkbar, denn Land und Sonne gibt es ja genug.

Und auch in den Slums von Mombasa sind die Fortschritte nicht zu übersehen: Menschen, die so gut wie nichts hatten, haben mit Hilfe von Mikrokrediten ihr eigenes kleines Geschäft eröffnet und haben damit eine echte Lebensbasis geschaffen. Sicher: Auch diese gerät nun bedrohlich ins Schwanken angesichts der Preissteigerung durch die Dürre. Aber dennoch sind die Menschen an einem ganz anderen Punkt, haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein als noch vor drei Jahren!

Eine große Belastung für viele sind allerdings die hohen Zinsen, die sie wöchentlich an die Bank zahlen müssen. Wir könnten ihnen noch sehr viel wirksamer helfen, wenn wir Firmen fänden, die ein Startkapital zur Verfügung stellen würden, so dass es möglich wäre, Mikrokredite lediglich gegen eine kleine Gebühr zu bekommen. Das wäre ein weiterer wichtiger Schritt – damit immer mehr Menschen selbst zur Angel greifen!

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