Jedes Kind zählt

Im Oktober 2012 wollte ich für die Kampagne „Zurück zur Schule“ derKaterina aus Mazedonien SOS-Kinderdörfer ein siebenjähriges Roma-Mädchen, Ira, fotografieren. Es ging darum, die Menschen für Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Familien zu sensibilisieren.

Iras Eltern freuten sich, einen Beitrag leisten zu können und Ira war stolz, mir ihre Schule zu zeigen, in der ich sie fotografieren wollte. Sie ging gerne dorthin und schwärmte von ihrer Lehrerin.

Schülerin

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Die Realität vieler Roma-Kinder sieht anders aus.

Dann kam der Schock. Die Lehrerin kam auf mich zu und flüsterte: „Wenn Sie ein Kind fotografieren wollen, dass wirklich eine Chance im Leben hat, … gibt es bessere Kinder.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ganz offensichtlich sprach sie von Kindern, die keine Roma waren. Schließlich sagte ich so ruhig wie möglich: „Ich möchte Ira fotografieren!“ Die Lehrerin antwortete: „Ist ja Ihr Schaden.“ Ira hatte von all dem nichts mitbekommen und strahlte die Lehrerin weiter an. Weiterlesen

Flüchtiger Glanz

Als ich sie sah, konnte ich nicht verstehen, wie ihr Gesicht so leuchten konnte,Autorenbild_Libertad_deutsch trotz aller Umstände und trotz der stillen Dunkelheit in ihrem Inneren, die mindestens genauso spürbar war.  Ihre Augen schienen Glanzlichter entfernter Horizonte zu sein, zugleich nah und doch weit weg, als träumte sie davon, noch in dieser Nacht aufzubrechen und neue Wege zu entdecken.

PuppenObwohl sie noch so jung war, zeugten ihre ausgestreckten Hände von den Spuren der Zeit und von den Spuren des Missbrauchs. Die Dämmerung zog auf und langsam wurde es schon kälter. Auf ihrem Weg durch die Straßen, entlang der Bars und Restaurants bat sie die Passanten schweigend um ein paar Münzen. Sie sah so jung dabei aus und genauso unschuldig wie sie es war. Es hatte nicht in ihrer Macht gelegen, ihr Schicksal abzuwenden.

Und wieder dieses Strahlen, dieses Lächeln – als sei da eine Kraft in ihr, die stärker war, als alle Qualen, alle Ungerechtigkeiten. Und ihre ausgestreckte Hand. Wie in einem Kinderspiel bat sie die Welt um ihre kleine Gabe. Irgendwann fiel ihr Blick auf mich, wir schauten uns an, sie kam auf mich zu und nahm meine Hand und hielt sie lange fest, als gäbe ihr die Berührung Schutz inmitten all der Menschen, die sie ignorierten. Ich hatte das Gefühl, dass ihr Schweigen um mehr bat, als ich ihr geben konnte.  Also blieb ich einfach stehen, mit ihrer Hand in meiner. Weiterlesen

Yoga – Therapie für Körper und Geist

Am 21. Juni dieses Jahres wurde zum zweiten Mal der Internationalen Tsering Dolkar aus IndienYoga-Tag gefeiert. Der indische Premierminister Narendra Modi hatte ihn 2014 ins Leben gerufen. In seiner Ansprache vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 27. September 2014 hatte er erklärt: “Yoga ist ein unschätzbares Geschenk aus der alten Tradition Indiens. Diese Tradition ist 5000 Jahre alt. Yoga steht für die Einheit von Körper und Geist. Denken und Handeln, Zurückhaltung und Erfüllung, Harmonie zwischen Mensch und Natur. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz für Gesundheit und Wohlbefinden.“

Yoga

Internationaler Yoga-Tag: Im SOS-Kinderdorf Rourkela praktizieren die Mütter und Kinder…

Narendra Modi hat Recht: Yoga hat nicht nur mit körperlichen Übungen zu tun, sondern unterstützt den Übenden dabei, zu einer harmonischen Einheit mit sich selbst und seiner Umgebung zu finden. Dadurch, dass es Bewusstsein schafft und uns wach macht für einen Lebensstil, der uns wirklich gut tut, kann es uns in vielerlei Hinsicht helfen: bei körperlichen und mentalen Problemen, bei Veränderungen oder in herausfordernden Lebensphasen. Weiterlesen

Flüchtlinge – ein Gewinn für unser Land!

Katerina aus MazedonienЗдраво!

Das bedeutet „Hallo!“ auf Mazedonisch, der Heimatsprache meines Landes. Ich heiße Katerina Ilievska und fühle mich sehr geehrt, ab heute zu den Autoren dieses blogs zu gehören – als erste Europäerin.

Ich habe lange hin und her überlegt, über was ich meinem ersten Beitrag schreiben sollte. Die Deadline war bereits dramatisch überschritten, als ich mich endlich entschied, meinem Bauchgefühl zu folgen und über ein Thema zu schreiben, dass euch in Deutschland genauso betrifft wie uns hier in Mazedonien: die Europäische Flüchtlingskrise.

Seit 2001 arbeite ich für die SOS-Kinderdörfer, seit 2015 bin ich als Korrespondentin und ehrenamtliche Helferin auch mit der Flüchtlingskrise beschäftigt. Der entscheidende Unterschied: Bislang kannten meine Kollegen und ich die Namen jedes einzelnen Kindes, das wir unterstützten – ob in den Kinderdörfern, den SOS-Jugendeinrichtungen oder den Familienstärkungsprogrammen.

Abdurrahman

Damit Abdurrahman in Sicherheit aufwachsen kann, ist die Familie aus Syrien geflohen.

Der Krieg und der Terror im Nahen Osten haben über eine Million Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Seitdem meine Kollegen und ich auf der Balkan-Route arbeiten, haben wir keine Chance mehr, all die Namen der Menschen zu lernen, die uns begegnen, es sind einfach zu viele. Aber natürlich hat jeder Einzelne von ihnen seine Geschichte. Einige möchte ich heute vorstellen, es sind Menschen, von denen einige vielleicht bald in Deutschland leben werden. Vielleicht interessiert es euch ja auch, wer da kommt. Weiterlesen

Ein Freund ist tot. Alfred Munyentwari war Leiter der SOS-Kinderdörfer in Ruanda.

Alfred1

Alfred Munyentwari war 21 Jahre lang Nationaler Leiter der SOS-Kinderdörfer in Ruanda.

Ein Telefonanruf am Montagabend, die Sätze, die am anderen  Ende der Franklin-Autor_MiniPic-dtLeitung gesprochen werden, sind knapp, sie klingen fast schroff: „Bitte, stell mir keine Fragen, ich wollte dich nur wissen lassen, dass es vorbei ist. Er ist gestorben.“ Der Anrufer versucht, irgendwie die Kontrolle zu behalten, sein Schluchzen zu unterdrücken, dann ist er schon wieder weg. Weiterlesen

Leben ist Veränderung

Alles, was endet, hat einen Anfang, und alles, was anfängt, hat ein Ende. Tsering Dolkar aus IndienAls Buddhistin ist für mich die Philosophie der Unbeständigkeit wesentlich: Leben IST Veränderung.

Und dann kam dieser Tag, der so extreme Veränderungen auf einmal mitbrachte: Es war früh am Morgen und ich wollte mich gerade auf den Weg zum Büro machen, als ich die Nachricht bekam: Tanu, eine meiner Kolleginnen und eine gute Freundin, war Mutter geworden! Erst einen Tag zuvor hatte sie zu arbeiten aufgehört und nun hatte sie einem wunderschönen, gesunden Jungen auf die Welt gebracht. Die Geburt war unkompliziert verlaufen und Mutter und Kind waren wohlauf. Wir freuten uns alle sehr und planten unseren Antrittsbesuch, als uns eine weitere Nachricht erreichte: Satish Kumar, einer meiner ältesten Kollegen und ebenfalls ein enger Freund, war an diesem Morgen überraschend gestorben. Weiterlesen

Die Kinder dürfen nicht den Preis zahlen!

Zu den größten Herausforderungen unserer Arbeit gehört es, das DenkenAutorenbild_Libertad_deutsch der Menschen zu verändern, das stelle ich immer wieder fest. “Sicher”, sagen die Leute, “man müsste viel mehr tun für Kinder, die vernachlässigt werden oder in Not geraten.” Aber oft bleibt es dann bei dem guten Vorsatz.

In den letzten Monaten habe ich anderes erlebt: Menschen, die auf die Straße gingen und sich aktiv für gefährdete Kinder einsetzten. Ich glaube, dass sie gespürt haben, dass es hier nicht nur um die Rechte der Kinder, sondern um die Menschheit an sich geht. Denn es sagt eine Menge über unseren Entwicklungsstand aus, wie wir mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft umgehen. Weiterlesen

Hommage an die alleinerziehenden Väter

Wenn von Alleinerziehenden die Rede ist, dann sind meist Mütter gemeint. Autorenbild_Libertad_deutschVäter, die ihre Kinder alleine groß ziehen, sind in Bolivien und in den allermeisten Ländern und Kulturen viel seltener, gesellschaftlich noch nicht so akzeptiert und oft haben sie es deshalb noch einmal schwerer.  In meiner Arbeit für die SOS-Kinderdörfer begegne ich diesen Vätern immer wieder, manche von ihnen unterstützen wir, und so oft bin ich gerührt von ihrem Herz, ihrer Souveränität, ihrem praktischen Geschick. Es sind phantastische Väter dabei.

Zum Beispiel Ramiro:

Vater, Kinder

Haben es gut miteinander: Ramiro, Sofía und Álvaro.

Ramiros Frau ist nach Spanien gereist, um dort nach einem Job zu suchen. Ramiro, 38 Jahre alt, ist seitdem alleine mit seinen beiden Kindern Sofía und Álvaro.  Es gibt nichts Spektakuläres über ihn zu erzählen, aber genau das ist das Schöne: Ramiro und seine Kinder haben es einfach gut miteinander. Sie sind ein eingespieltes Team und Ramiro gibt ihnen, was sie brauchen: Er kocht für sie, bringt sie pünktlich zur Schule, kämt ihnen die Haare, spielt Fangen mit ihnen, hört ihnen zu, kuschelt mit ihnen vor dem Einschlafen. So oft es geht, sprechen sie mit Ramiros Frau in Spanien. Auch in der Sehnsucht unterstützen sich die Drei. Weiterlesen

Saturday Night Fever zum tibetischen Neuen Jahr “Losar”

Im Gegensatz zu den Indern feiern wir Tibeter nur wenige traditionelle Feste.Tsering Dolkar aus Indien Unsere drei wichtigsten sind  der Geburtstag seiner Heiligkeit, des Dalai Lama, das Fest „Buddha Purnima“ zum Gedenken an die Geburt und die Erleuchtung Buddhas und das dritte große Fest schließlich ist das tibetische Neue Jahr, „ Losar“, das wir in diesem Monat rund um den 8.Februr gefeiert haben.

Altar

Zum Neujahrsfest wird der Altar geschmückt und es werden kleine Gaben dargereicht.

Als Kinder konnten wir es kaum erwarten, bis endlich wieder Losar gefeiert wurde. Im SOS-Kinderdorf Greenfields,  wo ich groß geworden bin, lebten Kinder und Mütter verschiedener Religionen zusammen und die unterschiedlichen Traditionen hatten alle ihren Platz, für uns Kinder war das toll: umso mehr gab es zu feiern. 
Die Vorbereitungen für Losar fingen immer schon Monate vorher an: Man überlegte sich, was man anziehen würde, bereitete Grußkarten vor, in den Wochen vor dem Fest wurde das Haus geputzt und eingekauft.

Am vorletzten Tag des zwölften Monats wurde das alte Jahr mit „Guthuk“ verabschiedet: Am Abend aßen wir zusammen eine Suppe mit Knödeln. In jedem Knödel steckte ein kleiner Zettel mit einem kurzen Kommentar, der etwas über den Charakter der jeweiligen Person aussagen sollte. Weiterlesen

Ein Mensch, nicht nur eine Geschichte

Ich glaube, wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen.Autorenbild_Libertad_deutsch

(Stadt der Blinden, Jose Saramago)

Wenn die Menschen hören, dass ein Kind keine Eltern mehr hat, verlassen oder vernachlässigt wurde, fällen sie ihr Urteil oft schnell: „Das arme Kind, Leben verpfuscht, aus dem kann ja nichts mehr werden!“ Und wenn man so auf die Menschen schaut, findet man leicht die Bestätigung – bei einem Kind wie Marco zum Beispiel. Immer wieder wurde er wütend, gestohlen hat er und nimmt nicht einmal die Hand, die man ihm reicht. Ist doch so, oder?

Junge beim Spielen

Seht ihr mich oder nur meine Geschichte? Marco beim Spielen im Kinderdorf

“Mama” sagte er nie!

Als Marco zu uns ins SOS-Kinderdorf kam, war er acht Jahre alt und hatte die Zeit zuvor in einem Waisenhaus der bolivianischen Regierung verbracht. Man hatte den Jungen auf der Straße gefunden, wo er alleine herumlief, ängstlich und verschüchtert, verlassen von seiner Mutter, warum, wusste er nicht, auch nicht, wo sie war. Manchmal war er zornig, dann hasste er alle und alles, wollte nur noch um sich schlagen, fing an zu klauen, um seinen Ärger zu stoppen. Weiterlesen