Hungrige Kinder bauen keine Schneemänner

Rasha_MiniPic_Zum dritten Mal in Folge hat das Christkind die syrischen Kinder vergessen. Aber auf ihre Geschenke warten sie ohnehin schon lange nicht mehr, sie haben größere Sorgen: Woher bekomme ich genug zu essen, wo finde ich eine warme Unterkunft, wie überlebe ich den Winter? Längst denken die Kinder wie Erwachsene.

Damaskus im Dezember

Die Altstadt von Damaskus an einem Dezembertag.

Wenn in Syrien Schnee fällt, ist das normalerweise ein festliches Ereignis: Kinder wie Erwachsene ziehen sämtliche warme Sachen an, Schals, Handschuhe, Stiefel, und gehen auf die Straße oder in die nahegelegenen Parks, um Schneemänner zu bauen oder im Schnee zu spielen. Ihr Lachen hört man dann schon von weitem.
All dies ist vorbei! Seit drei Jahren gibt es nichts mehr, was Wärme in den eisigen Winter bringen könnte, überall findet man Zerstörung und jedes Haus hat eine traurige Geschichte zu erzählen, Frauen sind erstarrt in endloser Trauer, Kinder werden nicht müde zu fragen: „Wann kommt Papa endlich wieder? Warum bleibt er so lange weg? Kann er nicht wenigstens mit uns telefonieren?“

Auf den Straßen ist es dunkel, weil die Laternen nicht mehr leuchten. Statt Weihnachtsbäumen findet man Blumen auf den vielen Gräbern. Kirchenglocken klingen leise, versuchen, im Land des Kriegs die Botschaft von Frieden und Glück zu verbreiten.

Wetter in Damaskus

In Damaskus liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt

Farah war Musiklehrerin im Kindergarten in Damaskus, sie starb im Alter von 25 Jahren, als sie auf dem Rückweg von der Schule von einem Geschoss getroffen wurde. Sie hatte eine liebliche Stimme und sang im Kirchenchor. Sie war verlobt und plante ihre Hochzeit. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie ihr Verlobter nun weiterleben kann. Wie so viele andere hatten die beiden Pläne und freuten sich auf das, was vor ihnen lag. Aber dann teilten sie ihr Schicksal unglücklicherweise mit einer Kugel.

Mehr als 6,52 Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht, insgesamt sind 9,35 Mio. Menschen auf Hilfe angewiesen. Die meisten von ihnen befinden sich in der schwierigsten Situation ihres Lebens, sie wohnen in zerstörten Häusern, ohne Türen, ohne Fenster, durch das Dach tropft der Regen. Es gibt kein Benzin und keinen Strom und somit auch keine warme Dusche. Um ein Feuer entzünden und ihre Hände wärmen zu können, verbrennen die Menschen alles, was sie finden können.

Ahmad, der 8-jährige Junge, macht mir Mut

Ahmad, der 8-jährige Junge, macht mir Mut

Als ich begann, die Hilfsaktionen der SOS-Kinderdörfer zu organisieren und den Bedarf zu analysieren, hatte ich starke Zweifel: Würde es ausreichen, Menschen mit Jacken und Decken zu versorgen? Könnten wir genug tun? Mir war klar, dass wir nicht allen Menschen in Syrien helfen könnten.
Wir taten, was wir konnten und versorgten 100 000 Menschen mit dem Nötigsten: Lebensmitteln, Jacken, Decken. Meine Fragen beantwortete schließlich ein siebenjähriger Junge. Ahmad stand auf dem windigen Hof eines Hauses in der Altstadt von Damaskus, es regnete. In den Pfützen sammelte sich das Wasser. Ahmad trug Sandalen, keine Socken, seine Zehen waren blau-rot. Er schaute mich mit großen traurigen Augen an, die schon viel zu viel gesehen hatten, und sagte mit einem scheuen Lächeln: „Danke, Rasha, die Jacke gefällt mir gut. Jetzt muss ich wenigstens auf dem Schulweg nicht mehr frieren.“

Trotz der Kälte waren Ahmads Hände so warm wie die Tränen in seinen Augen. Er war dankbar, hatte wieder Hoffnung – und gab auch mir wieder Hoffnung. Er ließ mich glauben, dass ich das Richtige tue, auch wenn es nie genug ist.

Drei Jahre ist es nun her, dass in Syrien der Krieg ausbrach – begonnen als Revolution, die von vielen Parteien für ihre Zwecke missbraucht wurde und bald in eine bewaffnete Auseinandersetzung überging, sich zu einem sektiererischen Krieg entwickelte und seit einigen Monaten auch noch als Krieg gegen den Terrorismus und von den islamistischen Milizen als Krieg des Islam im heiligen Land geführt wird. 150 000 Menschen sind bis heute gestorben – Kinder, Frauen und Männer. Zurück bleiben Familien, die ums Überleben kämpfen.

Mehr über die Arbeit der SOS-Kinderdörfer in Syrien erfahren Sie hier.

4 Antworten auf Hungrige Kinder bauen keine Schneemänner

  1. Markus sagt:

    Die brutale Wahrheit (wie ich sie sehe)…

    Um Jahrhunderte verzögert, betrachtet man die eigene unrühmliche Geschichte der Kriege der Konfessionen [katholisch / evangelisch], vollzieht sich nun im sogenannten ‚Nahen Osten‘ derselbe Konflikt (Suniten/ Shiiten) mit moderneren, tödlich-effizienteren Mitteln.

    Jeder Krieg ist eine Hölle, die ein Mensch dem anderen bereitet. – Das war in der Vergangenheit so und ist es insbesondere in der Gegenwart.

    Wir können den Grundkonflikt nicht lösen, das liegt in der Hand der konfessionellen Gegner.

    Aber: Wir können danach streben und immer wieder danach streben und niemals damit aufhören,
    das Leid zu lindern. Dieses, auf sanfte Weise, unnachgiebige Streben ist zusammengefasst in
    den Worten ‚SOS-Kinderdörfer‘.

  2. Chris v. Hoerschelmann sagt:

    Kein Syrer, der gegen die Regierung sein mag hat sein Geld aus dem Strumpf geholt und Waffen, sogar Kanon gekauft, um zerstörerisch vorzugehen. Kein Krieg ohne Waffen – keine Waffen ohne Geld. Weit weg vom mördrischen Geschehen sitzen die politischen Geldgeber vor allem in wärmeren Ländern. Die Toten und Heimatlosen kümmern sie überhaupt nicht. Holt die Syrer – nur die im Lande ansässign Syrer an der Verhandlungstisch. Dann kann die Welt anders aussehen.
    Mir tut es sehr weh zu sehen, wie brutal in Syrien vorgegangen wird. Ich habe über zwei Jahre in Libanon und Syrien gewohnt und gearbeitet. Ich würde sehr gern mehr helfen, als ich es über SOS Kinderdörfer tue. Mein Alter und begrenzte Mittel hindern mich, mehr zu tun. Ich werbe für SOS Kinderdörfer wo immer ich kann.

  3. Clara sagt:

    Diese furchtbare Katastrophe in Syrien…! Wie soll das jemals wieder gut werden? So viele Tote, so viel Hass, so viele zerstörte Städte und Altertümer, so viel Elend! Wie viele Jahre oder Jahrzehnte wird es dauern, bis das Land wenigstens wieder so aussehen wird wie vor dem Krieg – als auch nicht alles optimal war? Kinder wie Ahmad müssen damit fertigwerden, dass ihre normale Kindheit ein schlagartiges Ende gefunden hat, sie werden sich bald kaum mehr an Normalität erinnern. Man kann nur hoffen und beten, dass die Syrer die Kraft finden, den Hass zu begraben, alle ausländischen Milizen und Kämpfer zu vertreiben und dann das Land wieder aufzubauen. Jeder, der in dieser Situation mithilft das Elend der Menschen zu lindern, und sei es auch kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, der tut das Richtige.

  4. Caludia sagt:

    Dieser Krieg ist eine Schande! Und natürlich leiden vor allem die Kinder. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei eurer Arbeit! Macht weiter so!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.