Hoffnung im Kleinformat

Alasita

Auf den Straßen von La Paz kann sich beim Alasita-Fest jeder alles leisten. Innerhalb eines Jahres sollen die Träume wahr werden.

Es ist später Nachmittag und Sonia wartet darauf, dass sie endlich Autorenbild_Libertad_deutschan der Reihe ist. Die alte Dame schwört auf Traditionen, in ihren Händen hält sie ihre Reichtümer: Ihr Haus, ihr Auto, ihre Koffer, ihren Reisepass, ihre Euros, ihre Dollar und ihr bolivianisches Geld. Sie hält all die Gegenstände mit zwei Händen fest. Mit viel  Räuchernebel wird es gesegnet.

So wie Sonia sind an diesem Tag Ende Januar Hunderte von Leuten unterwegs und kaufen in den Straßen von La Paz und vor allem auf der Messe „Alasita“ (auf Deutsch: „Kauf mich!“) alles, was sie anzieht. Das Schöne: Hier kann sich jeder alles leisten, ganz nach seinen Träumen und Wünschen: eine Villa, einen Swimmingpool, einen Haufen Geld…  Denn es werden ausschließlich Miniaturen verkauft. Bereits Monate vor dem Festtag beginnen die Handwerker damit, sie herzustellen. Laut Tradition wird alles, was an diesem Tag im Kleinformat gekauft und gesegnet wird, im Laufe des Jahres wahr.

Alasita-Fest

Mein Haus, mein Auto, mein Reichtum – schon Monate vor dem Fest beginnen Handwerker, die kleinen Dinge herzustellen.

Alasita ist eine Mischung aus heidnischen und christlichen Bräuchen: Die Menschen bitten sowohl Ekeko, den Gott der Fülle darum, ihre Wünsche zu erfüllen, als auch den katholischen Priester, der die Miniaturen ebenfalls mit Weihrauch segnet.

Wie das Alasita-Fest entstanden ist, wird immer wieder anders erzählt. Die meisten sind sich einig, dass es aus der Kolonialzeit stammt und zunächst ein Fest der Ureinwohner war. Die Leute besuchten damals die Jahrmärkte und kauften kleine Amulette oder Bilder, genannt Illas oder Ispallas, die eine Wahrsagerin um Punkt zwölf Uhr mit in ihre Zeremonie hinein nahm – mit dem Ziel, die dargestellten Dinge Realität werden zu lassen.

Die Legende von Paula und Isidro

Viele Historiker aus den Familien der Landbesitzer waren zu dieser Zeit in Bolivien unterwegs, um die Legenden und Traditionen ihrer Arbeiter zu sammelten und aufzuschreiben. Irgendwann feierten die Landbesitzer selbst dann auch Alasita, auch sie wollten sich ihre Wünsche erfüllen lassen.

Alasita-Fest

Zum Alasita-Fest wird eigens eine Messe veranstaltet. Auf Deutsch heißt „Alasita“ übrigens: Kauf mich!

Eine andere Version führt den Ursprung des Festes auf die Belagerung La Paz‘ durch die indigene Bevölkerung 1781 zurück. Unter den Kriegsherren Tupac Amaru und Tupac Katari war die Stadt von allen Lebensmittellieferungen abgeschnitten. Mit der Belagerung wollten sich die Ureinwohner zur Wehr setzen und für ihre Rechte protestieren. Die Menschen in La Paz waren in großer Angst.

Kurz zuvor war ein jung verliebte Paar, das der Landbevölkerung angehörte, getrennt worden: Paula war von ihrem Herren befohlen worden, seine Frau in die Stadt zu begleiten, Isidro kämpfte als Soldat in der Armee von Tupac Amaru und Tupac Katari. Bei ihrer Verabschiedung hatte Isidro Paula eine kleine selbstgemachte Figur gegeben. Sie stellte Ekeko dar, den Gott des Reichtums. Er sollte Paula beschützen.

Während die Menschen in der belagerten Stadt immer hoffnungsloser wurden, gelang es Isidro, Lebensmittel für Paula hinein zu schmuggeln. Als es der besorgte Gouverneur nach vielen Monaten schaffte, in die Stadt einzudringen, fand er seine Frau neben Paula in einem kleinen Zimmer, umgeben von Lebensmitteln, in der Mitte die Ekeko-Figur. Aus Dankbarkeit veranstaltete der Gouverneur seitdem ein großes Fest für Ekeko und bat Isidro, eine weitere Figur herzustellen, die in ihren Händen und auf dem Rücken Lebensmittel in großer Fülle trug.

Seitdem sind hunderte von Jahren vergangen und die verschiedenen Legenden, weitergegeben von Generation zu Generation, sind längst miteinander verwoben zu einer wunderschönen Mischung aus Ritual, Konflikten und Liebesgeschichte.

Es ist neun Uhr abends, das Alasita-Fest nähert sich seinem Ende, und noch immer liegt der Räuchergeruch in der Luft und umweht die Menschen, die sich allmählich verteilen. Auch Sonia geht nach Hause, in ihren Händen immer noch all die Miniaturen, all die Träume, die zumindest an diesem einen Tag groß werden durften.

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