Meine Familie in Distrikt 12

Familie, das ist für mich nicht nur die Einheit Vater-Mutter-Kind. Familie, dasAutorenbild_Libertad_deutsch sind wir alle: Es ist unser aller Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Kinder liebevoll und gewaltfrei aufwachsen können. Ich bin überzeugt davon, dass wir die Herausforderungen dieser Welt nur meistern können, wenn wir Menschen uns als miteinander verbunden und zusammengehörig begreifen.

Dies ist für mich auch die Grundidee der SOS-Familienhilfe: Alle Kinder gehen uns an. Vielleicht habt ihr Lust, mich in La Paz‘ Distrikt 12 zu begleiten und einige der Familien kennenzulernen, die wir unterstützen. Reiseleiter machen definitiv einen Bogen um diese Gegend: 180 000 Menschen leben hier in einfachen Behausungen, die Straßen sind dreckig, die Kriminalität hoch. Über die Hälfte der Einwohner ist jünger als 18 Jahre. Acht von zehn Kindern sind in Gefahr, ihr Zuhause zu verlieren. Ich finde die Zahl erschreckend hoch.

Mutter Bolivien

Ana Maria Salguiro und ihre Kinder kommen über die Runden. Mit einem von SOS finanzierten Handwagen verkauft die alleinerziehende Mutter Unterwäsche.

Da ist beispielsweise Claudine, deren Mann, ein Schreiner, eines Tages nicht mehr von der Arbeit nach Hause kam. Claudine glaubt, dass er ermordet wurde. Sie war alleine mit ihren vier Kindern, fand einen neuen Partner, mit dem alles aber nur noch schlimmer wurde. Er begann sie zu schlagen und es dauerte Jahre, bis es Claudine gelang, ihn zu verlassen. Claudine wurde in unser Programm aufgenommen und gemeinsam mit ihr überlegten unsere Mitarbeiter, wie man die Familie am besten unterstützen könnte. Wir schauen immer nach individuellen Lösungen. Für Claudine war es ein Kühlschrank, der ihr Leben veränderte. Auf den Straßen von La Paz verkauft sie nun eine Limonade, die sie täglich frisch herstellt und kühl halten kann. Sie kommt damit über die Runden, ihre Kinder gehen wieder in die Schule.

Oder Roberto, dessen Frau ihn mit vier Kindern alleine ließ, das Baby nahm sie mit. Ohne Robertos Wissen gab sie das Kleine an eine Pflegefamilie. Roberto tat alles, um es zurückzubekommen, was ihm schließlich auch gelang. Er verlängerte seine Arbeitstage als Taxifahrer, kochte, machte die Wäsche und stellte sicher, dass seine Kinder in die Schule gehen. Trotzdem hatte er große Sorge, dass ihm die Kinder genommen würden. Ihr Zuhause war mehr ein Bretterverschlag als ein Haus, es fiel fast auseinander, und alles wuchs ihm über den Kopf. Eine Lehrerin aus der Nachbarschaft sprach ihm Mut zu und informierte die SOS-Kinderdörfer. Wir unterstützten ihn zunächst mit dem Nötigsten, seinen beiden ältesten Töchter finanzierten wir eine Ausbildung zur Schneiderin, Roberto bekam Baumaterial, mit dem er inzwischen ein einfaches, aber solides Haus gebaut hat.

 Claudine ist mit mit 25 Jahren Familienoberhaupt für ihre sieben jüngeren Geschwister. Sie schafft es sogar noch, Jura zu studieren.

Maria Fernanda ist mit mit 25 Jahren Familienoberhaupt. Sie kümmert sich um ihre sieben Geschwister und schafft es sogar noch, Jura zu studieren.

Auch Ana Maria Salguiro, HIV positiv, lebt mit ihren drei Kindern in Distrikt 12. Sie hat von uns eine Handkarre bekommen, die es ihr ermöglicht, Unterwäsche auf dem berühmten Markt La Ramada zu verkaufen.

Oder Jimena Loza Luna, die mit Hilfe von SOS den Weg aus dem Bordell gefunden hat. Sie arbeitet jetzt als Reinigungsfrau und muss ihre Kinder nachts nicht mehr alleine lassen.

Carla Andrea Aldana hat von unseren Mitarbeitern gelernt, geduldiger mit ihrem kleinen Kind umzugehen, das sie früher geschlagen hat, sobald es zu weinen anfing.

Maria Fernanda, 25, hat für ihre sieben Geschwister die Elternrolle übernommen, seit ihre Mutter gestorben ist. „Ich stehe zu der Entscheidung. Es war die einzige Möglichkeit, dass wir zusammen bleiben konnten.“ Gemeinsam mit ihren Geschwistern managt sie den Haushalt. Alles ist straff organisiert. Mit unserer Unterstützung schafft es Maria Fernanda sogar, die Universität zu besuchen und Jura zu studieren. Sie sagt: „Manchmal erscheint es mir immer noch wie ein Wunder.“

Ich könnte noch mehr erzählen, von anderen Kindern und Eltern im Distrikt 12. Ein andermal… Wie es ihnen geht, spielt eine Rolle für mich und meine Kollegen. Das meine ich mit Familie.

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