Leben mit den Toten

Mateo ist eines von 848000 Kindern in Bolivien, die zum Überleben Geld verdienen müssen.Autorenbild_Libertad_deutsch Sein Arbeitsplatz: der Zentralfriedhof von La Paz.

Friedhof La Paz

Mateo verbringt seine Tage auf dem Zentralfriedhof von La Paz. Er verdient sein Geld damit, die Gräber zu pflegen.

Wenn jemand über den Tod spricht, macht das Mateo keine Angst. „Ich lebe mit dem Tod“, sagt er zu mir und schaut kurz auf, während er das Wasser in einer Vase wechselt. Dann platziert er die Blumen behutsam auf dem Grab eines Menschen, den er nie gekannt hat.

Mateo verdient sein Geld – meist nicht mehr als ein paar Münzen am Tag – als „Wasserträger“ auf dem riesigen Zentralfriedhof von La Paz City, wo ich ihm begegne. Zu den Aufgaben des acht Jahre alten Jungen gehört es, sich um die Blumen zu kümmern und die Gräber in Ordnung zu halten. Zeit, mit Freunden zu spielen, zur Schule zu gehen und seine Kindheit zu genießen, hat er nicht.

Nach Angaben des Arbeitsministeriums gehen in Bolivien 848 000 Kinder und Jugendliche den unterschiedlichen Aktivitäten nach, um Geld zu verdienen. Fast die Hälfte von ihnen ist unter 14 Jahre alt und dürfte somit laut Gesetz noch gar nicht arbeiten.

Friedhof La Paz

Statt in die Schule zu gehen, müssen die Kinder Geld verdienen. Meist bekommen sie nur ein paar Münzen.

Etwas zu essen und hin und wieder ein Schreibheft

So wie Mateo verdienen Tausende von Wasserträgern auf den Friedhöfen der verschiedenen Städte von Bolivien ihr Geld; den Besuchern sind sie ein vertrautes Bild. Und da die Toten bevorzugt an den Wochenenden Besuch bekommen, haben die Kinder nicht einmal dann frei. Der Job auf dem Friedhof ist auch deshalb nicht leicht für Mateo, weil er jeden Tag umringt ist von Verlust und Traurigkeit anderer Menschen.

Doch so viele Beerdigungen der Junge schon miterlebt hat, war er nie so traurig, wie an dem Tag, als ihm klar wurde, dass er seine Mutter verlieren würde. Sie war alkoholkrank – irgendwann gab sie einfach auf. Bis dahin hatte die dreiköpfige Familie, zu der noch Mateos älterer Bruder gehörte, in einem kleinen Zimmer in der Nähe des Friedhofs gelebt. Als sich schließlich sein Bruder einer Straßengang anschloss, wusste Mateo nicht, wohin. Immerhin erklärte sich eine Tante bereit, ihn aufzunehmen, aber die Situation blieb schwierig: es war kaum genug zu essen da und das wenige wurde ungleich zwischen ihm und seinen vier Cousins verteilt. Von seinen Einnahmen auf dem Friedhof kauft sich Mateo meist etwas zu essen, hin und wieder auch ein Schreibheft.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile miteinander. As ich mich schließlich verabschiedete, sagte Matteo mit schüchterner Stimme zu mir: „Ich weiß, dass irgendwann alles anders wird.“

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen Jungen und Mädchen in Not – mit einem neuen Zuhause in einem unserer Kinderdörfer oder durch die SOS-Familienhilfe. Aber wir können nicht alle Kinder Boliviens retten. Manchmal bricht mir das fast das Herz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.