Auf eigenen Füßen stehen

Agim ist wie ich im SOS-Kinderdorf aufgewachsen. Agim im Kosovo, ich in Albanien. Oft tauschen wir Flutura_MiniPic_dtuns leidenschaftlich über unsere Kindheit und unser Leben aus. Ich finde spannend, was er zu sagen hat…

Von Agim Kurti 

Es ist eine Herausforderung für ein Kind, in einer Pflegeeinrichtung aufzuwachsen – allein die Tatsache, dass du dir die Menschen, mit denen du zusammenlebst und die sich um dich kümmern, nicht selber aussuchen kannst.

SOS-Jugendlicher

Agim Kurti ist im SOS-Kinderdorf im Kosovo aufgewachsen. Das Kinderdorf ist für ihn eine große Familie.

Teil eines SOS-Kinderdorfes zu sein, liegt ebenfalls nicht in der Entscheidung der Kinder. Selbst, wenn ihnen die Gründe erklärt werden, ist das für viele Jungen und Mädchen am Anfang nicht einfach. Sie möchten mit ihren leiblichen Eltern zusammen sein, egal wie schlecht sie behandelt wurden. Dennoch fühlen sich die meisten nach einiger Zeit zuhause im Kinderdorf. Für meine Freunde und mich ist SOS heute eine große Familie. Dabei ist das harmonische Verhältnis zwischen den Kinderdorf-Müttern, Pädagogen und den Kindern der Schlüssel zum Erfolg. Es ist die Basis, die uns mit Würde und Selbstbewusstsein aufwachsen lässt.

Aber die große Frage ist: Wie kommen die Jugendlichen klar, wenn sie die SOS-Einrichtungen verlassen? Wie ergeht es ihnen im Leben und welche Perspektiven haben sie?

Oft habe ich festgestellt, dass sich die Jugendlichen im Kinderdorf und den SOS-Jugendhäusern zu reiferen Menschen entwickeln und eine größerer Bereitschaft haben, auf eigenen Füße zu stehen als ihre Altersgenossen. Meistens wissen sie besser über ihre Rechte Bescheid, haben an verschiedenen Trainings und Programmen teilgenommen, sind vielleicht Karriere-orientierter und gut fürs Leben gewappnet.

„Wir haben mit Vorurteilen zu kämpfen.“ 

Trotzdem ist es nicht leicht, aus einem umsorgten Leben in die Unabhängigkeit zu wechseln, vor allem in ärmeren Ländern wie dem Kosovo. Das größte Problem ist es, Arbeit zu finden. Wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist, trifft es die jungen Menschen am härtesten. Viele Jugendliche nehmen in so einer Situation Gelegenheitsjobs an, ohne Vertrag, oft mit extrem langen Arbeitszeiten und unter miserablen Bedingungen. Wenn sie den Job verlieren, bekommen sie keinerlei Unterstützung vom Staat. Auch die hohen Lebenskosten sind ein Thema, vor allem in den größeren Städten. Es ist kaum möglich, hier die Miete zu zahlen. Und wir Jugendlichen aus Pflegeeinrichtungen haben mit Vorurteilen zu kämpfen: Viele Arbeitgeber betrachten uns von einer ganz anderen Seite, sobald sie unsere Geschichte hören; nicht alle sind offen.

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen uns in dieser Phase weiter, unter anderem mit Stipendien, Zuschüssen zur Miete, Berufsvorbereitung. Auch später sind sie da, helfen, beraten.

Von den jungen Menschen, mit denen ich groß geworden bin, studieren manche, andere haben einen guten Arbeitsplatz gefunden, manche möchten für eine Weile in einem anderen Europäischen Land leben, einige, vor allem unter den Mädchen, sind schon verheiratet. So versucht jeder, die Herausforderungen des Lebens zu meistern und seinen Weg zu gehen.

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