Annas Gutenachtgeschichte

Vor langer Zeit lebte eine Familie in einem weit entfernten Königreich. Die Familie Anton_MiniPicwar sehr arm, aber sie besaß etwas viel besseres als Geld: Liebe. Es gehörten drei Söhne und eine wunderschöne Tochter namens Anna zu der Familie. Eine Tages starb der Vater im Krieg. Aber die Mutter blieb an der Seite ihrer Kinder, liebte sie sehr…

Familie

Es hat lange gedauert, bis Anna und Maxim Vertrauen zu Kinderdorfmutter Galina gefasst haben.

Wenn ein Junge oder Mädchen ein neues Zuhause im SOS-Kinderdorf bekommt, dann ist in seiner Vergangenheit immer etwas vorgefallen: Die Eltern sind gestorben oder haben es aus den verschiedenen Gründen nicht geschafft, für ihr Kind da zu sein.

Als Anna*, 9, und Maxim*, 8, vor drei Jahren ins Kinderdorf Kandalaksha kamen, hatten sie schon einige Stationen hinter sich: Ihre Mutter war nicht in der Lage gewesen, sich um sie kümmern, sodass die beiden Geschwister in eine Pflegefamilie gekommen waren, aber nach fünf Jahren hatten die Pflegeeltern die Kinder in ein Heim gegeben.

SOS-Mutter Galina erinnert sich gut an den Tag, an dem die Beiden schließlich bei uns ankamen: „Die Sonne schien, es war ein wunderschöner Tag, aber Anna und Maxim schauten düster, sie waren sehr verängstigt.“

Maxim gab sich die Schuld dafür, dass die Pflegeeltern ihn und seine Schwester nicht hatten behalten wollen. Galina erzählt: „Er dachte, er sei nicht gut genug! Er war wütend auf sich selbst und wusste nicht wohin mit diesem schrecklichen Gefühl, also wickelte er sich in eine Decke, legte sich aufs Bett und weinte. Er weinte auch in der Nacht.“

„… und der König schenkte dem Drachen die hübschesten Mädchen…“

Obwohl Anna nur ein Jahre älter war,  fühlte sie sich verantwortlich für ihren Bruder. Sie wollte für Maxim Mutter und Beschützerin sein. Galina sagt: „Anna war viel zu erwachsen. Sie kümmerte sich rund um die Uhr um Maxim, nahm ihn an die Hand, wenn sie durchs Kinderdorf liefen, ermunterte ihn, genug zu essen, und überließ ihm auch noch ihre eigene Nachspeise. Jeden Abend brachte sie ihn ins Bett und las ihm eine Geschichte vor.

…Eines Tages kam ein schrecklicher Drache in das Königreich, der den König lebendig fressen wollte. Der König zitterte vor Angst. Er befahl allen Müttern und Töchtern in seinen Palast zu kommen. Er wollte dem Drachen die hübschesten Mädchen zum Geschenk machen und so sein eigenes Leben retten. Der König prüfte genau und wählte die allerschönsten Töchter aus…

Gutenachtgeschichte

Erst, als Anna sich wirklich sicher fühlte, hat sie ihre selbst geschriebene Gutenachtgeschichte Kinderdorfmutter Galina geschenkt.

Viel Geduld und Fürsorge waren nötig, bis Anna und Maxim Vertrauen fassten. „Wieder und wieder habe ich Maxim gesagt, dass er keine Schuld daran hatte, was mit ihnen passiert war.“ Langsam öffnete er sich, sprach von seinen Ängsten. Er begann sich zu verändern, nahm plötzlich auch andere Menschen außer seiner Schwester wahr, freundete sich mit seinen beiden SOS-Brüdern an. Man sah die Drei bald oft zusammen auf dem Fußballplatz und der schlaksige Maxim entpuppte sich als erstaunlich sportlich. Galina meldete ihn in einem Verein an, wo der Junge schnell Fortschritte machte. Das tat auch dem Selbstbewusstsein gut.

Anna brauchte länger als ihr Bruder. Galina erinnert sich: „Sie sah mich anfangs als Konkurrentin und hatte Sorge, dass ich ihr Maxim wegnehme. Egal, was ich tat, Anna hielt mich auf Distanz, beobachtete mich genau.Sie prüfte, ob sie mir vertrauen konnte.“ Wutanfälle und Tränen gingen irgendwann in lange Gespräche über und schließlich in Umarmungen und Küsse. „Wir sind einen langen Weg zusammen gegangen“, sagt Galina.

Als Anna spürte, dass Galina wirklich für sie und Maxim da war, konnte sie auch endlich wieder Kind sein. Die Sorge für Maxim überließ sie Galina. Nur ihre Geschichten, die erzählte sie ihrem Bruder allabendlich weiter.

…Am Ende der Zeremonie waren nur noch zwei Mütter mit ihren Töchtern übrig, darunter auch Anna und ihre Mutter. Der König befahl den Müttern, auch ihre Töchter dem Drachen zu geben. Die andere Mutter sagte: „Nimm meine Tochter, ich liebe sie sowieso nicht!“ Anna hatte große Angst, dass sie als nächste an den Drachen verfüttert würde, aber ihre Mutter sagte: „Niemals werde ich eines meiner Kinder hergeben, denn ich liebe sie über alles.

Galina erzählt: „Eines Abends, als ich zu Bett gehen wollte, fand ich vor der Tür meines Zimmers ein selbstgemachtes, ordentlich beschriftetes Heft: Gutenachtgeschichte. Geschrieben von Anna

Für Galina das kostbarste Geschenk!

 

* Namen der Kinder zum Schutz der Persönlichkeit geändert.

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